Frauen als Täterinnen und die Kategorie Gender als Gewaltakt

Frauen als Täterinnen und Unterstützerinnen eines patriarchal organisierten Gewaltsystems wurden seit Beginn der Frauenbewegung immer wieder benannt, doch selten führte diese Benennung zu einer methodologischen und epistemologischen Veränderung innerhalb feministischer Forschung und Kritik. Unversalisierbar schien die Auffassung, das Patriarchat stelle eine allumfassende ausschließlich von Männern initiierte und ausgeübte Form der Unterdrückung von Frauen dar. Zu tief saßen Trauma und Scham über die Gewaltverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an denen Männer und Frauen im gleichen Maße beteiligt waren, unter denen Männer und Frauen im gleichen Maße litten.

Die Täter-Opfer-Dichotomie begann erst in den 1980er Jahren brüchig zu werden, als kritische Feminist_innen die These der Mittäterinnenschaft nachhaltig innerhalb feministischer Diskurse etablieren konnten und so eine selbstkritische Perspektive auf das Geschlechterverhältnis eröffneten. Christina Thürmer-Rohr trug einen wesentlichen Teil dazu bei, das feministische Selbstbild zu überdenken und feministischer Forschung einen anderen methodologischen Zugang an die Hand zu geben, Herrschafts- und Machtformen zu analysieren und zu hinterfragen.

In „Die unheilbare Pluralität der Welt – von Patriarchatskritik zur Totalitarismusforschung“ fasst Thürmer-Rohr den feministischen Diskurs des 20. Jahrhunderts grob zusammen und erläutert in chronologischer Abfolge politisches Denken und Handeln des Feminismus mit seinen jeweiligen Epistemen in Bezug auf Gewalt, Macht und Herrschaft. Weiter verknüpft sie Erkenntnisse der Totalitarismus- und feministischer Forschung und rekurriert dabei immer wieder auf Hannah Arendt, die Anerkennung von Dialog und Pluralismus forderte und in der Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen ein Mittel gegen totalitäre Bewegungen, Systeme und Denkansätze sah.

Die inhaltliche Nähe zu Arendts Erkenntnissen zu Formen totaler Herrschaft fußt auf Thürmer-Rohrs eigener Biografie: Ihr Vater war in der Zeit des Nationalsozialismus Offizier der Wehrmacht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Thürmer-Rohr sich kritisch mit ihren eigenen traumatischen Erfahrungen und ihrer Rolle als Frau in einem totalitären System, als Familienmitglied eines seiner Unterstützer_innen und dem Funktionieren des Systems selbst auseinander zu setzen. Später wendet sie sich gegen ihren Vater.

Weiterhin beeinflusst ist Thürmer-Rohrs Denken — neben der Totalitarismusforschung und Theorien Hannah Arendts — von dekonstruktivistischen Ansätzen: Sie hinterfragt Kategorien wie „Geschlecht“ und „Frau“, statt diese zu generalisierenden Begriffen zu machen, mit denen im Feminismus lange Zeit gearbeitet wurde (und noch immer wird). Was bedeuten Kategorien und welche Menschen sind damit gemeint? Wie inklusiv sind diese Kategorien?

Thürmer-Rohr begegnet geschlechtsspezifischen Identitätsbehauptungen mit großer Skepsis und wendet sich gegen die Einteilung von Menschen in feministische Subjekte und Objekte. Die Kategorie „Frau“ ist für Thürmer-Rohr die „totalitäre Antwort auf eine totalitäre Geschlechterpolitik“. Das Klassifizieren von Menschen beschreibt sie als Gewaltakt, als Aussortieren des Anderen und als nicht legitimierte Aneignung des vermeintlich Eigenen.

So nimmt Thürmer-Rohr eine kritische Perspektive zum Feminismus ein, verwehrt sich jedoch jeglichen antifeministischen Auslegungen und Instrumentalisierungen ihrer Theorien. Vielmehr ist ihr Denken gekennzeichnet von einer Herangehensweise, die wie Arendt auf Pluralismus und Vielfalt abzielt. Auf das Ineinandergreifen von Kategorien, die sie nicht als Merkmale eines Menschen begreift, sondern als gewaltvolle Überstülpung und „Planierung von Differenz“.

In „Die unheilbare Pluralität der Welt“ wendet sich Thürmer-Rohr postmoderner Philosophie zu, die in den Identitätsstiftungen der Moderne die Hauptursache für Terror, Gewalt, Macht und Herrschaft sah. Besonders in der Gegenüberstellung von Kategorien wie „Mann – Frau“ wird deutlich, dass hier Menschen auf eine angeblich wesentliche Eigenschaft reduziert werden, wobei das jeweilige „Wesensmerkmal“ und das Verhältnis der beiden zueinander universal und jederzeit ihre Wirkung entfalte. Mit dieser Vorstellung von einer dichotomen Aufteilung der Welt geht auch eine dichotome Vorstellung von Strukturen, sozialen, politischen und gesellschaftlichen Räumen einher, eine dichotome Vorstellung von Macht und Herrschaft, eine dichotome Vorstellung von Gewalt und eine dichotome Vorstellung von Täter_innen und Opfern.

Die Einteilung von Menschen in gegenüber gestellte Identitäten und die damit einhergehende Zuweisung von Eigenschaften, kulturellen und biologischen Codes, die Frauen lange Zeit gesellschaftliche wie politische Teilhabe erschwerte oder verunmöglichte, die einhergingen mit Gewaltanwendung und Machtausübung über das vermeintlich Andere, verlängert sich also nach Thürmer-Rohr in der feministischen Kritik dieser Zustände. Indem Frauen als universelle Opfer des Patriarchats konstruiert werden, können sie demnach also nicht gleichzeitig auch Gespielinnen, Mittäterinnen und Unterstützerinnen oder selbst Täterinnen sein. Sie werden erneut zu Objekten gemacht, ihnen wird erneut das Recht abgesprochen, sich als Individuen zu positionieren, die auf unterschiedliche Weise verstrickt sind in ein wesentlich komplexeres und diffizileres Feld von Macht, Herrschaft und Gewalt, als es bis dato von Feminist_innen gezeichnet wurde.

Thürmer-Rohrs Kritik an der feministischen Patriarchatslogik und seiner vereinfachenden Sichtweise beschränkt sich dabei nicht nur auf die Aufarbeitung der Gewaltverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, sie bezieht ganz allgemein Stellung zu allen Formen von Herrschaft und verdeutlicht den Zusammenhang einer feministischen Aneignungspolitik qua Subjekt „Frau“ und totalitären Normierungsprozessen. Das biologische wie soziale Geschlecht als einzig gültige Unrechtskategorie zu beschreiben, vernebele den Blick auf andere Formen der Ausübung von Dominanz und Herrschaft und damit eine selbstkritische Auseinandersetzung mit diesen. Als Beispiel führt sie Kolonialismus und Postkolonialismus an.

Mit der These von Mittäterinnenschaft ist es möglich auch innerhalb der vermeintlichen Opfergruppe „Frau“ Dominanzkulturen und Mechanismen aufzuspüren, die neben dem Patriarchat andere Unrechtsregime produzieren. So werden die Belange von subalternen Gruppen sichtbar, für die Patriarchat und Sexismus weniger Ausschluss produzieren, denn beispielsweise Rassismus. Thürmer-Rohr wird deutlich, dass Frauen jahrzehntelang ignorierten, dass auch sie nicht freigesprochen werden können von initiierten Ausschlüssen und Gewaltakten jeglicher Art.

Thürmer-Rohrs Kritik am Feminismus stellt damit allerdings keinen Delegitimierungsversuch desselbigen dar. Vielmehr kann „Die unheilbare Pluralität der Welt“ als eine Handlungsaufforderung verstanden werden, feministische Forschung und politische Praxis des Feminismus selbstreflektierend wahrzunehmen und die eigene Positionierung immer wieder neu zu denken und in Bezug zum feministischen Subjekt zu setzen. Thürmer-Rohr plädiert für ein weiter gefasstes Verständnis von Herrschaft, für einen Feminismus, der sich gegen alle Formen totalitärer Herrschaft wendet, ein Feminismus, der inklusiv und pluralistisch strukturiert ist. Sie gab damit wichtige Impulse für die feministische Forschung jener Zeit, eröffnete neue politische Handlungsfelder und verlieh antirassistischer Arbeit innerhalb des Feminismus insgesamt mehr Gewicht.

erschienen auf maedchenmannschaft.net, 30.09.2010

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