Differenz, Dekonstruktion oder Gleichheit?

Welche der drei wesentlichen Paradigmen der Frauen- und Geschlechterforschung können substanzielle Chancengleichheit garantieren und verwirklichen? Wie funktionieren die drei Konzepte in ihrer praktischen Umsetzung? Wo liegen Stärken und Schwächen der Konzepte und wo schlagen sie sich in aktuellen Gleichstellungspolitiken nieder?

Gudrun-Axeli Knapp* versucht in ihrem Text „Gleichheit, Differenz, Dekonstruktion: Vom Nutzen theoretischer Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung für die Praxis“ Antworten auf diese Fragen zu finden, und kommt zunächst zu sehr nüchternen Ergebnissen: Noch immer dienen Erfahrungswissen und pragmatische Herangehensweisen als Grundlage von Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer. Zu selten, und wenn überhaupt stark verkürzt, wird auf fundiertes Wissen der Frauen- und Geschlechterforschung bei der Gleichstellungsarbeit zurückgegriffen. Das führt nicht selten dazu, dass Gleichstellungspolitik in einer Sackgasse landet, nicht zielführend ist und zum Teil das Gegenteil erreicht: Eine Festschreibung von Geschlechterdifferenzen.

Sie plädiert für eine „theoretisch reflektierte Praxis“, die Wissenschaft und Politik nicht einander entgegenstellt, sondern beide als einander inkludierende und interdependente Vorgehensweisen betrachtet. Dabei genügt es nicht, aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft für Gleichstellungsarbeit zu operationalisieren: Für Knapp sind Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung keine starren Patentrezepte für die Umsetzung von Chancengleichheit und Gleichbehandlung.

Diese können je nach Kontext, in den sie eingebettet sind, variieren und je nach (Anwendungs-)erfahrung und Betrachtungsweise eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Auch Geschlechter- verhältnisse sind immer wieder im Wandel begriffen und Differenzen zwischen den Geschlechtern historisch gewachsen. Und können sich trotzdem in verschiedenen Gesellschaften und Gruppen unterschiedlich repräsentieren. Praxiserfahrungen von Gleichstellungspolitiken und wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich also wechselseitig aufeinander, während sie sich selbst verändern und verändert werden.

Kritik äußert Knapp auch an der Tatsache, dass die Konzepte um Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion selbst gegeneinander ausgespielt wurden und werden, indem sie als konkurrierend und unvereinbar zueinander konstruiert werden. Dies hat zur Folge, dass die Konzepte in den diversen Gleichstellungspolitiken ausschließlich und nicht gemeinsam verhandelt und umgesetzt werden. Als erschwerend und bremsend für eine effiziente Gleichstellungspolitik kommt für Knapp hinzu, dass Gleichstellungskonzepte selbst negativ besetzt und umgedeutet werden.

Sie verlieren so ihren Gleichstellungscharakter für die breite Öffentlichkeit, büßen an Akzeptanz ein und werden am Ende als Perpetuierung einer Geschlechterdifferenz angesehen, statt Hilfestellung und Motor für eine Aufweichung dieser. Sie skizziert das am Beispiel der Frauenförderung, die nach wie vor als Förderkatalog für Frauen angesehen wird, die Männer und strukturelle Gegebenheiten nicht in den Blick nimmt und Frauen als defizitäre Gruppe imaginiert, statt als „kritisches Korrektiv“ für „unausgewogene Verhältnisse und institutionelle Gewohnheiten, die Diskriminierung produzieren.“

Obwohl Knapp im weiteren Verlauf des Textes die Konzepte von Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion nachvollziehbar und verständlich erklärt, deren Wirksamkeit und praktische Umsetzung, sowie bisherige theoretische Ansätze kritisch hinterfragt, wird dennoch deutlich, dass sie selbst einen verkürzten Blick auf mögliche und bereits praktizierte Konzepte von Gleichstellungspolitik einnimmt. Sie behandelt Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion lediglich im Kontext von Frauenförderung und zeigt auf, inwiefern sich die drei theoretischen Paradigma in diesem Feld aufeinander beziehen, einander bedingen und beeinflussen. Neuere Ansätze wie Gender Mainstreaming, Managing Diversity sowie punktuelle Gleichstellungsansätze in Organisationen oder normative Gleichstellung qua Rechtssetzung durch Gleichbehandlungsgebote und Diskriminierungsverbote finden sich im Text von Knapp nicht wieder.

Zwar spricht sie am Beispiel von Gleichheitsansätzen auch von einer Politik der Antidiskriminierung, erwähnt aber die normativen Regelungen, die Gesetze bieten, nicht explizit. Der rechtliche Rahmen für Gleichstellung und Gleichstellungspolitiken bleibt somit außen vor und damit auch eine Betrachtung dessen unter den Gesichtspunkten von Differenz, Dekonstruktion und Gleichheit. RechtswissenschaftlerInnen wie Susanne Baer oder Beate Rudolf haben bereits an vielen Stellen auf die Notwendigkeit einer Einbeziehung feministischer Betrachtungsweisen auf verschiedene Rechtskontexte und die rechtswissenschaftliche Spiegelung von Frauen- und Geschlechterforschung hingewiesen.

Bemerkenswert beim Text von Knapp ist ebenfalls, dass sie die Bedeutung von Männern in der Gleichstellungsarbeit nicht berücksichtigt. Der Fokus liegt klar auf der Gruppe der Frauen, worunter Knapps Argumentation zwar nicht leidet, weil keine festgelegte Rollenstereotype und die typische „Defizit-Argumentation“ bedient werden. Dennoch ist zu konstatieren, dass die Zielgruppe von Gleichstellung nicht ausschließlich Frauen sein sollten. Eine Enthierarchisierung von Geschlechterverhältnissen kann nicht allein dadurch erreicht werden, dass Benachteiligungen von Frauen und strukturelle Asymmetrien zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden, ohne dass Männer zeitgleich an diesem Prozess mitwirken (können), ihr Rollenbild und ihre Vergesellschaftung auch von ihnen selbst hinterfragt wird und dadurch verändert werden kann.

Letztlich bleibt auch die Frage offen, ob eine Enthierarchisierung von Geschlechterverhältnissen substanzielle Chancengleichheit und Gleichstellung im Sinne von Gewährleistung gleicher Partizipationschancen zwischen den Geschlechtern erreichen kann. Gerade deshalb und trotz der eingeschränkten Sichtweise Knapps, ist der Ausblick am Ende des Textes von besonderer Bedeutung, in dem sie auf intersektionale Zusammenhänge im Geschlechterverhältnis hinweist und für eine paradigmatische Erweiterung der Frauen- und Geschlechterforschung plädiert. Ein intersektionaler Blick auf Gleichstellungspolitiken und das Verhältnis von Geschlecht sowie seine Repräsentation, stellen für Knapp die notwendige Dimension dar, um Praxen der Gleichstellung zu spezifizieren und bisherige Betrachtungsweisen mit den Konzepten Gleichheit, Differenz und Konstruktion aus ihren Schranken zu holen.

Insofern leistet der Text von Knapp einen wichtigen Beitrag zur einer verstärkten theoretischen Reflektion praktizierter Gleichstellungspolitiken und -instrumente einerseits , bei einer gleichzeitigen kritischen Hinterfragung des Genderdiskurses andererseits und verbindet damit Theorie- und Praxisebene im Kontext Gender und Diversity.

*Gudrun-Axeli Knapp ist seit 1990 Professorin am Psychologischen Institut der Unversität Hannover. Ihre dortigen Arbeitsschwerpunkte sind feministische Theorie und Methodologie, Geschlechterdifferenzen und -verhältnisse. Darüber hinaus forscht zusammen mit der Gesellschaftstheoretikerin Cornelia Klinger seit mehreren Jahren zu Intersektionalität und Ungleichheit. Die Publikationen „Achsen der Ungleichheit – Achsen der Differenz“ und „Über-Kreuzungen“ zählen zu den Standardwerken der Intersektionalitätstheorie im deutschsprachigen Raum.

erschienen auf maedchenmannschaft.net, 03.05.2010

Kommentare sind geschlossen.