Anonymisierte Bewerbungen gegen Diskriminierung?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet heute das Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren und konnte für den Modellversuch fünf Unternehmen gewinnen: Deutsche Post, Deutsche Telekom, L’Oreal, MyDays und Procter&Gamble. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird sich ebenfalls beteiligen. Begleitet und wissenschaftlich unterstützt wird das Projekt vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina (KOWA).

Bei einem anonymisierten Bewerbungsverfahren füllen Interessierte auf eine Stelle einen Bewerbungsbogen aus, der diskriminierungsanfällige Informationen bewusst nicht abfragt. Das heißt: Alter und Geschlecht sollen definitiv bei der Vorauswahl der Bewerbungen nicht erkennbar sein. Eine Behinderung kann von den Bewerbenden optional angegeben werden, da das Merkmal Behinderung nach dem Sozialgesetzbuch IX unter besonderem Diskriminierungsschutz steht und Unternehmen hierzu strenge Auflagen erfüllen müssen.

Dem Bewerbungsbogen wird ein Motivationsschreiben beigefügt sein, in dem die Interessierten sich wie gewohnt vorstellen. Sollten in dem Motivationsschreiben Hinweise zu finden sein, die eindeutig auf eines der in Deutschland unter Diskriminierungsschutz stehenden Merkmale (Alter, Geschlecht, Behinderung, rassistische Zuschreibung/ethnische Herkunft, sexuelle Identität, Religion/Weltanschauung) rückführbar sind, so werden diese Informationen nachträglich geschwärzt.

IZA und KOWA werden die eingegangenen Bewerbungen sichten, gegebenenfalls wie gerade beschrieben modifizieren und diese dann den Personalverantwortlichen der teilnehmenden Institutionen und Unternehmen zukommen lassen. Festgestellt werden soll, ob sich die Einstellungspraxis der Teilnehmenden durch anonymisierte Bewerbungen ändert und an welchen Stellen Nachbesserungsbedarf beziehungsweise Diskriminierungspotenzial besteht. Soviel zur Theorie.

Ich hatte vor ein paar Tagen die Gelegenheit diesen Modellversuch der Antidiskriminierungsstelle vorgestellt zu bekommen und bin sehr skeptisch, ob dieses Projekt die Lage der Betroffenen verbessern wird. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das seit vier Jahren Menschen vor Diskriminierung unter anderem im Berufsleben schützen soll, hat bisher kaum Wirkung gezeigt. Einerseits verunmöglicht das AGG durch etliche rechtliche Hürden den Klageweg für Betroffene nahezu (Fehlende Beweislastumkehr, kein Verbandsklage- und Beistandsrecht für Antidiskriminierungsverbände, sehr kurze Nachweisfrist, etc.), andererseits spielt das Gesetz in den einzelnen Unternehmen so gut wie keine Rolle.

Was fehlt, ist das Bewusstsein für Diskriminierung in der Gesellschaft, wie Diskriminierung wirkt und wer davon in welchem Maße betroffen ist. Dementsprechend sehen Unternehmen keine Notwendigkeit ihre Einstellungspraxis zu verändern. Das AGG bietet hierzu weder ausreichend Sanktionsmöglichkeiten noch werden Jurist_innen hinreichend in Antidiskriminierungsrecht ausgebildet. Die bisher gefällten Urteile zum AGG lassen keinen anderen Schluss zu, als dass gerade institutionell verankerte Benachteiligungen und Diskriminierungsmuster nicht ausreichend reflektiert und anerkannt sind. Antidiskriminierungspolitik und EU-Antidiskriminierungsrichtlinien werden in anderen EU-Ländern wie Großbritannien wesentlich strikter und nachhaltiger umgesetzt.

So werden mit den anonymisierten Bewerbungsverfahren zwar potenziell mehr Menschen zu Gesprächen eingeladen, die vorher kaum Chancen hatten, doch solange der Antidiskriminierungsgedanke nicht im Kopf des/der Personaler_in angekommen ist, werden auch weiterhin die Arbeitnehmenden eines Unternehmens hauptsächlich homogen zusammengesetzt sein, das Gejammer um Fachkräftemangel hin oder her. Darüber hinaus beinhaltet allein der anonymisierte Bewerbungsbogen (den die teilnehmenden Organisationen und Unternehmen nach ihren eigenen Vorstellungen verändern dürfen!!) bereits ausreichend Angaben, die Rückschlüsse auf Alter und Geschlecht zulassen (Name, Wehrpflicht, Ausbildung, Berufserfahrung). Dass Studium oder besondere Zusatzqualifikationen (Weiter- und Fortbildungen, Sprachkenntnisse) auch hierzulande ein Privileg von Wenigen sind, Menschen aus bestimmten sozialen Schichten oder bestimmten „Migrationshintergründen“ bereits in der Primarschule Diskriminierung ausgesetzt sind, kann ein anonymisierter Bewerbungsbogen nicht darstellen.

Ein anonymisierter Bewerbungsbogen wird auch nicht verhindern, dass „Kopftücher gleich mal aussortiert werden, weil sie den Betriebsfrieden stören“ (Zitat eines Geschäftsführers in der Studie zum AGG in Unternehmen). Von anderen Benachteiligungen im Unternehmen wie sexuelle Belästigung und Lohndiskriminierung einmal abgesehen, wird ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren meines Erachtens nach nicht den Schalter im Kopf umlegen, dass Diskriminierung eine nicht hinnehmbare Verletzung der Menschenwürde ist.

Solche Maßnahmen müssen flankierend und integriert eingesetzt werden und sie dürfen nicht allein dem Ziel dienen, Zahlen und Statistiken zu Diskriminierung in Deutschland zu generieren, wie es eine Vertreterin der Antidiskriminierungsstelle vor ein paar Tagen in meiner Anwesenheit ähnlich formulierte. Diese Zahlen und Statistiken gibt es bereits zuhauf, Diskriminierung ist in Deutschland nicht wegzudiskutierende Alltäglichkeit. Einfach mal mit Betroffenen reden, Antidiskriminierungsverbände kontaktieren, die Augen offen halten, sich sensibilisieren.

Ich fragte bei der Vertreterin nach, warum keine der vielen Antidiskriminierungsverbände das Projekt begleitet. Diese könnten beispielsweise zeitgleich zum Bewerbungsverfahren Sensibilisierungstrainings und AGG-Beratung in den Unternehmen anbieten. Antwort: „Warum sollen wir mit Antidiskriminierungsverbänden zusammenarbeiten?“ Richtig. Eine nationale Antidiskriminierungsstelle, die nicht einmal Betroffene in einer anderen Sprache als Deutsch beraten kann, braucht natürlich keine Unterstützung.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Pressemitteilung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2011, in der sie uns mitteilt, dass die Deutsche Telekom das Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren super fand und überlegt, es nun längerfristig einzuführen. Während in der Personalabteilung von Unternehmen XY das nächste Kopftuch aussortiert wird.

erschienen auf maedchenmannschaft.net, 25.11.2010

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