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	<title>Nadine Lantzsch</title>
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	<description>Autorin &#38; Aktivistin</description>
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		<title>Widerstand mit Hindernissen – Fallstricke queer/feministischer Bündnispolitik</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Oct 2011 13:38:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Satz „Der Feminismus ist tot, es lebe der Feminismus!“ leiten die Soziologinnen Gabriele Winker und Melanie Groß ihren Text zu „Queer-/Feministische Praxen in Bewegung“ [1] ein und rekurrieren damit auf eine Geschlechterpolitik, die das emanzipatorische und zuweilen radikale Potenzial feministischer Ansätze nicht mehr nötig hat. Denn das feministische Projekt, so wie es ursprünglich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem Satz „Der Feminismus ist tot, es lebe der Feminismus!“ leiten die Soziologinnen Gabriele Winker und Melanie Groß ihren Text zu „Queer-/Feministische Praxen in Bewegung“ [1] ein und rekurrieren damit auf eine Geschlechterpolitik, die das emanzipatorische und zuweilen radikale Potenzial feministischer Ansätze nicht mehr nötig hat. Denn das feministische Projekt, so wie es ursprünglich angedacht war – als Befreiungsbewegung für ein konstruiertes Kollektivsubjekt – hat ausgedient.</p>
<p>Einerseits, weil die Kritik an feministischer Praxis in Theoriebildung und Bewegungspolitik dazu geführt hat, das Kollektivsubjekt als homogenisierend und ausschließend zu verwerfen. Andererseits, weil die Gleichberechtigung der Geschlechter formal nahezu erfüllt scheint: Feminismus wurde als Frauen- und Gleichstellungspolitik institutionalisiert, Gender Mainstreaming als Leitgedanke festgeschrieben und wer sich heute noch um einen anderen Blickwinkel bemühen will, stürzt sich auf Diversity Management. Es geht nicht mehr darum, Forderungen aufzustellen und widerständig zu sein, sondern sich in einem gesetzten gesellschaftspolitischen Rahmen um Verteilungen Gedanken zu machen.</p>
<p>Doch in Zeiten eines flexibilisierten und neoliberalen Geschlechterregimes[2], wirken die geschlechterpolitischen Institutionen wie behäbige Bürokratiemonster, die kaum mehr in der Lage sind, auf die sich ständig verändernden Bedürfnisse und Lebensbedingungen ihrer Zielgruppe reagieren zu können. Die Frage, wer Teil der Zielgruppe ist, bleibt dabei meistens ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der Strategie.</p>
<p>Feministische und emanzipatorische Potenziale im geschlechterpolitischen Feld sucht man also heutzutage lieber in autonomen Kontexten: Antisexismusbündnisse der radikalen Linken, queer/feministische Verzweigungen und Diskussionen im Internet, Mailinglisten zu Antirassismus und Empowerment, Workshops in FrauenLesbenTrans*-Räumen oder Planungstreffen zu queeren(den) Veranstaltungen, um nur einen kurzen Einblick in das weit gefächerte Spektrum widerständiger, autonomer Politiken zu geben.</p>
<p>Um die prekären Strukturen solcher Vorhaben und Projekte am Leben zu halten, ist Bündnisarbeit unerlässlich. Wo einst die Anrufung des Kollektivsubjektes „Frau“ ausreichte, um für den Kampf gegen das Patriarchat zu mobilisieren, muss sich ein queer/feministisches Projekt heute vielschichtig, inklusiv und oftmals theoretisch untermauert präsentieren, um möglichst viele Bündnispartner_innen zu gewinnen. Identitätspolitik, die sich lediglich auf eine soziale Gruppe oder ein Herrschaftsverhältnis stützt, wird in den meisten Fällen von allen Beteiligten abgelehnt.</p>
<p>Dies zeigt, dass die Kritik, die Frauen mit Behinderungen, Lesben, Schwarze Frauen, Migrant_innen, Trans* und einige andere Gruppen am Feminismus formulierten[3], verstanden und einbezogen wurde: Ein „Wir“ muss stets neu verhandelt werden, um breite Solidarität zu erreichen. Ein „Wir“ muss mit Widersprüchen und Brüchen umgehen können. Ein „Wir“, das ohne radikale Selbstkritik auskommt, ist nichts weiter als ein_e Stellvertreter_in von Partikularinteressen einer privilegierten Gruppe.</p>
<p>Allerdings gerät ein Aspekt bei dieser feministisch-kritischen Erwartungshaltung gern ins Hintertreffen: Für Selbstreflexion, Differenziertheit, theoretische Einordnungen und politische Arbeit sind Ressourcen nötig, die innerhalb klassistischer und rassistischer Verhältnisse nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Zugleich greifen strukturell verankerte Diskriminierungsmuster, die den Zugang in entsprechende Räume erheblich erschweren: Wieviele Betroffene rassistisch motivierter Gewalt sind in autonomen Politgruppen aktiv? Wer kann ein Studium aufnehmen und/oder kommt in den Genuss kritischer Wissensfelder? Wer kann sich die Arbeit in unter- bzw. nichtfinanzierten Projekten leisten?[4]</p>
<p>Auch, wenn sich die meisten autonomen Aktivist_innen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen befinden und/oder sich theoretisches Wissen aneignen konnten, bleibt eine Reflexion dieser Aspekte und der eigenen sozialen Positionierung oft aus. Nicht zuletzt erschwert diese Tatsache Bündnisarbeit zusätzlich, wo „blinde Flecken“ und Widersprüche hingenommen oder gar nicht erst transparent gemacht werden.</p>
<p>Die Affirmation des „queer/feministischen Allroundtalentes“ in Sachen Bündnispolitik erreicht dann ihren Höhepunkt, wenn trotz aller Selbstkritik, allem Mitgedachten, der mühseligen Finanzierung und Arbeit ohne Lohn das angeworbene Politprojekt die Zusammenarbeit versagt, von dem man sich wichtige Impulse erhoffte. Einfach, weil an anderen Fronten andere herrschaftskritische Kämpfe ausgefochten werden müssen. Oder, weil man qua zugeschriebener struktureller Verortung nicht zu den gewünschten Bündnispartner_innen gehört. Letzteres ist umso bitterer, weil dagegen kaum ein Mittel hilft.</p>
<p>Wenn sich jetzt die absolute Ohnmacht einstellt bei den Fallstricken queer/feministischer Bündnispolitik, ist das allzu verständlich, sollte aber auch Anlass zu etwas mehr Gelassenheit geben. „Alles richtig zu machen“ ist schließlich immer eine Frage des Bezugspunktes und kann auch bedeuten, sich vereinnahmen zu lassen und letztlich widerständiges, kontroverses Potenzial zu verlieren. Potenzial, das stets tauglich ist für fruchtbare Diskussionen und Weiterentwicklungen eigener Politiken.</p>
<p>Wie also lässt sich queer/feministische Bündnispolitik gestalten, ohne sich im eigenen Mikrokosmos zu verlieren oder Grabenkämpfe herauf zu beschwören? Folgende Überlegungen stehen zur Diskussion:</p>
<p>Zuerst sollte sich die jeweilige Gruppe über ihr Selbstverständnis einigen: Was wollen wir (sein)? Was ist/sind Ziel/e unserer Politik? Mit welchen Strategien wollen wir diese/s Ziel/e verfolgen? Dabei sind die politischen Hintergründe der Aktivist_innen unbedingt zu berücksichtigen.</p>
<p>Überlegungen zur Repräsentation sozialer Gruppen sind unerlässlich: Welche Gruppen wollen wir mit unserer Arbeit ansprechen und warum? Wer soll eine Stimme erhalten? Für wen wollen/können wir sprechen? Hierbei kann es hilfreich sein, das eigene Projekt in einem (bewegungs)politischen Kontext zu verorten, um Machtdimensionen und historisch gewachsene Ungleichheiten zu berücksichtigen.</p>
<p>Wer soll aus welchen Gründen Bündnispartner_in werden und wer nicht? Dazu ist es notwendig, die eigene soziale Positionierung (auch der Gruppe) selbstkritisch mitzureflektieren, um die Ansprache inklusiv zu gestalten und auf „blinde Flecken“ oder noch nicht mitgedachte Politikfelder aufmerksam zu werden.</p>
<p>Wie soll für das jeweilige Projekt mobilisiert werden? Kann dabei auf bereits bestehende Strukturen oder Bündnispartner_innen zurückgegriffen werden?</p>
<p>All diese Fragen lassen sich natürlich nicht abschließend und für alle Beteiligten zufriedenstellend beantworten, doch wie Groß und Winker schreiben: Queer/feministische Praxen befinden sich in Bewegung. Um für das neoliberale Geschlechterregime gewappnet zu sein, müssen sie das auch.</p>
<p>—-</p>
<p>[1] Gabriele Winker/Melanie Groß (2009): <a href="http://www.fh-kiel.de/fileadmin/data/sug/pdf-Dokument/Melanie_Gross/gross_winker09.pdf<br />
">Queer/feministische Praxen in Bewegung</a>, in: Aulenbacher/Riegraf (Hg.): Erkenntnis und Methode. Geschlechterforschung in Zeiten des Umbruchs, VS-Verlag, Wiesbaden, 51-64.</p>
<p>[2] Angela McRobbie (2010): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes, VS-Verlag, Wiesbaden.</p>
<p>[3] exemplarisch:</p>
<p>Combahee River Collective (1977): <a href="http://www.lilithgallery.com/feminist/modern/Black-Feminist-Statement.html">A Black Feminist Statement.</a> </p>
<p>Boll et al. (Hg.) (1985): Geschlecht: Behindert. Besonderes Merkmal: Frau. Ein Buch von Behinderten Frauen, München.</p>
<p>FeMigra (1994): <a href="http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/gender_5.html">Wir, die Seiltänzerinnen</a>. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation, in: Eichborn/Grimm (Hg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik, Berlin. </p>
<p>[4] <a href="http://clararosa.blogsport.de/2011/05/23/das-bisschen-polit-arbeit-macht-sich-von-allein/">http://clararosa.blogsport.de/2011/05/23/das-bisschen-polit-arbeit-macht-sich-von-allein/</a></p>
<p>______</p>
<p><a href="http://streit-wert.boellblog.org/2011/10/04/nadine-lantzsch/">Diskussionsbeitrag für &#8220;Streitwert&#8221;</a> des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung. Ursprünglich erscheinen am 4.10.2011.</p>
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		<title>Fall Kachelmann: Vergewaltigung ist mit Objektivität nicht beizukommen</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Jun 2011 12:57:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Kachelmann]]></category>
		<category><![CDATA[Vergewaltigung]]></category>

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		<description><![CDATA[Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde am Dienstagmorgen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Das Mannheimer Gericht machte in seiner Urteilsverkündung klar, dass eine zweifelsfreie Unschuld nicht bewiesen werden konnte und deshalb &#8220;in dubio pro reo&#8221; &#8211; im Zweifel für den Angeklagten &#8211; auf einen Freispruch entschied. Das Urteil, der gesamte Prozessverlauf, die Untersuchungen gegen Kachelmann im Vorfeld [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde am Dienstagmorgen vom <a href="http://taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/alle-haben-verloren/" target="_blank">Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen</a>. Das Mannheimer Gericht machte in seiner Urteilsverkündung klar, dass eine zweifelsfreie Unschuld nicht bewiesen werden konnte und deshalb &#8220;in dubio pro reo&#8221; &#8211; im Zweifel für den Angeklagten &#8211; auf einen Freispruch entschied. Das Urteil, der gesamte Prozessverlauf, die Untersuchungen gegen Kachelmann im Vorfeld sowie die mittlerweile über ein Jahr andauernde Medienberichterstattung über den Fall werfen Fragen auf.</p>
<p>Es ist nicht das erste Mal, dass einem vor Gericht verhandelten Vergewaltigungs- vorwurf keine Verurteilung des Angeklagten folgt. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Opfer in ihren Aussagen in Widersprüche verstricken, am Ende Aussage gegen Aussage steht. Es ist nicht das erste Mal, dass ein solcher Prozess von einem Diskurs begleitet wird, der Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung betont, die Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer in Frage stellt und das Sexleben von mutmaßlichem Täter und Opfer ausschlachtet. Doch wie sind diese Dinge zu bewerten?</p>
<p><a href="http://maedchenmannschaft.net/der-kampf-gegen-vergewaltigung-und-die-betroffenen/">Die Fakten sprechen für sich</a>: Nur ein Bruchteil von sexualisierten Übergriffen wird überhaupt zur Anzeige gebracht, noch weniger Fälle landen vor Gericht, noch weniger enden mit einer Verurteilung. Die Strukturen für Opfer sexualisierter Gewalt sind mäßig bis schlecht, Polizist_innen unzureichend ausgebildet, Gutachter_innen darauf aus, die Integrität des mutmaßlichen Opfers solange zu prüfen, bis Widersprüche aufgedeckt werden können. Die Betroffenen sexualisierter Gewalt sind in der Bringschuld. In der Bringschuld zu sein in einem System, in dem Sexismus und Frauenfeindlichkeit offen ausgelebt werden können und institutionell verankert sind, bedeutet, in einer <a href="http://diestandard.at/1304553372404/Expertin-ueber-Kachelmann-Den-Gutachtern-wurde-das-Feld-ueberlassen">nicht gleichberechtigten Position zu sein gegenüber denen</a>, die überzeugt werden müssen von der Schuld des vermeintlichen Täters. Wenn wir über sexualisierte Gewalt reden und verhandeln, müssen wir auch die Verhältnisse, Normen und Strukturen bedenken, in denen sie passiert.</p>
<p>Dass das Gericht im Fall Kachelmann nach Gesetzes- und Beweislage auf einen Freispruch entschieden hat, ist davon nicht unabhängig zu sehen. Geschweige denn können sich die Medien auf die Fahnen schreiben, objektiv und nach bestem Wissen und Gewissen berichtet zu haben. Es muss offen kritisiert werden, dass <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-05/kachelmann-prozess-freispruch/" target="_blank">Sabine Rückert für die Zeit</a> und <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,766105,00.html" target="_blank">Gisela Friedrichsen für den Spiegel</a> auch nach dem Urteil nicht davon ablassen konnten, die Integrität des Opfers radikal in Frage zu stellen und Kachelmann als hauptsächlich Geschädigten zu konstruieren. Obwohl beide, <a href="http://www.faz.net/artikel/C31013/kachelmann-prozess-in-den-medien-und-das-wollen-journalisten-sein-30428175.html" target="_blank">wie die <em>Faz</em> zu berichten weiß</a>, im Prozess einen nicht unwesentlichen Anteil am Freispruch hatten. Es muss nachdenklich stimmen, wenn die einzige stimmgewaltige Feministin in diesem Fall Alice Schwarzer ist, die das mutmaßliche Opfer für ihre Selbstdarstellung instrumentalisiert &#8211; in der Bildzeitung.</p>
<p>Es geht nicht darum, Rechtsstaatlichkeit generell in Frage zu stellen oder die Unschuldsvermutung abzuschaffen. Sondern sich bewusst zu machen, dass beide Prinzipien in einer liberalen Gesellschaft, die formale Gleichheit für alle Individuen als Maxime setzt, soziale Ungleichheit und Machtverhältnisse nur unzureichend berücksichtigen können. Das heißt: Gesetze werden in diesem Kontext gemacht und Recht wird in diesem Kontext gesprochen. Für wen gilt die Unschuldsvermutung? Wer kann sie vollumfänglich in Anspruch nehmen? Wem helfen rechtsstaatliche Prinzipien zu einem freieren Leben, wenn es zur Disposition steht?</p>
<p>Wer Recht das Potenzial gesellschaftlicher Signalwirkungen abspricht und sich auf Rechtssprechung als letztgültigen Wahrheitsfinder verlässt, verhilft Machtverhältnissen zum Status Quo und imaginiert alle Individuen als Gleiche. Letztendlich kommt damit nicht nur bei den Rechtsgläubigen zum Ausdruck, dass die nachhaltige Bekämpfung von sexualisierter Gewalt und sexistischen Strukturen nicht erwünscht ist.</p>
<p>Ob in Sachen Vergewaltigung in Zukunft Recht <strong>und</strong> Gerechtigkeit vorherrscht, geht nicht nur Gerichte, Prozessbeteiligte und  Journalist_innen etwas an. Sexualisierte Gewalt ist dabei keine Frage objektiver Beurteilung und sollte nicht allein auf dem Feld <a href="http://www.freitag.de/wochenthema/1122-lasst-uns-endlich-dar-ber-reden">sexpositiver Debatten</a> erfolgen. Eine öffentlich geführte und auf Sensibilisierung ausgelegte Auseinandersetzung mit <a href="http://shakespearessister.blogspot.com/2009/10/rape-culture-101.html" target="_blank">rape culture</a> wäre ein Anfang.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf <a href="http://maedchenmannschaft.net/fall-kachelmann-vergewaltigung-ist-mit-objektivitat-nicht-beizukommen/">maedchenmannschaft.net</a>, 02.06.2011</p>
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		<title>Die Befreiung einiger auf Kosten vieler</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Jun 2011 12:51:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dekonstruktivismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Debatte um Feminismus und Dekonstruktivismus läuft weiter. Begonnen hatte diese in ak 558 mit einer Kritik dekonstruktivistischer Ansätze durch Tove Soiland, weitere Beiträge folgten. Feministische Gesellschaftskritik braucht jedoch auch queere, postkoloniale und rassismuskritische Blickwinkel, meint Nadine Lantzsch. Sie räumt mit dem Missverständnis auf, bei der Dekonstruktion von Kategorien gehe es um deren Abschaffung. Hat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Debatte um Feminismus und Dekonstruktivismus läuft weiter. Begonnen hatte diese in <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak558/27.htm">ak 558</a> mit einer Kritik dekonstruktivistischer Ansätze durch Tove Soiland, <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak559/49.htm">weitere</a> <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak560/40.htm">Beiträge</a> folgten. Feministische Gesellschaftskritik braucht jedoch auch queere, postkoloniale und rassismuskritische Blickwinkel, meint Nadine Lantzsch. Sie räumt mit dem Missverständnis auf, bei der Dekonstruktion von Kategorien gehe es um deren Abschaffung.</strong></p>
<p>Hat sich Feminismus mit der Etablierung postmodernen Denkens sein gesellschaftskritisches Moment genommen? Tragen Queer Theory und das Streben nach Dekonstruktion von Geschlecht zur Dethematisierung patriarchaler Gewaltverhältnisse innerhalb neoliberal-kapitalistischer Gesellschaften bei? Tove Soiland beantwortet diese Fragen in <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak558/27.htm">ak 558 positiv</a>. Sie fordert die Rückbesinnung auf radikale Ökonomiekritik samt Wiedereinführung des Kollektivsubjektes &#8220;Frau&#8221;.</p>
<p>Dabei bedient sich Soiland in ihrer Argumentation gegen Queer nicht nur einer dominanten Geschichtsschreibung über Feminismus. Sie unterliegt wie viele vor ihr dem Fehlschluss, bei der Dekonstruktion von Kategorien ginge es in der Konsequenz um deren Abschaffung. Soiland entzieht so dekonstruktivistischen Ansätzen die Legitimationsgrundlage für Kritik an sozioökonomischen Verhältnissen. Gleichzeitig stilisiert sie das Kollektivsubjekt &#8220;Frau&#8221; zum Dreh- und Angelpunkt feministischer Gesellschaftskritik.</p>
<p><strong>Schafft Geschlecht mehr Ungleichheit als Herkunft?</strong></p>
<p>Was Tim Stüttgen in ak 559 als &#8220;<a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak559/49.htm">Sehnsucht nach dem feministischen Hauptwiderspruch</a>&#8221; benennt, ist der Versuch Soilands, marxistische Theoriestränge (erneut) in den Fokus feministischen Interesses zu rücken. Das ist legitim, da das Geschlechterverhältnis stets in Bezug zu ökonomischen Verhältnissen gesetzt werden muss: Die aktuelle neoliberale Ausformung kapitalistischer Akkumulationslogik konstituiert nicht nur prekäre und flexibilisierte Subjekte, sondern vergeschlechtlicht diese zugleich. Die gegenwärtigen Produktionsverhältnisse affirmieren also nicht nur Geschlecht auf unterschiedliche Weise, sie schreiben zudem ein hierarchisch gegliedertes Geschlechterverhältnisses fort. Somit muss Geschlecht eine zentrale Analysekategorie feministischer Gesellschafts- und Ökonomiekritik bleiben.</p>
<p>Doch es gibt berechtigte Einwände gegen dieses Vorgehen. Und die lassen sich nicht einfach mit der Begründung wegwischen, es handele sich vorrangig um eine gesellschaftstheoretische Perspektive:</p>
<p>1. Eine Analyse kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse, die sich auf ein binäres Verständnis von Geschlecht einigt, missachtet die Prekarisierung und Zurichtung von Nicht-Frauen und allen, die sich nicht innerhalb der zweigeschlechtlichen Ordnung verorten können oder wollen. Damit wird das Gewalt- und Ausschlusspotenzial einer heteronormativen Zwangslogik reproduziert.</p>
<p>2. Steht Geschlecht als hauptsächlich gesellschaftsstrukturierend im Mittelpunkt, aktualisiert dies die Hierarchisierung von Differenzkategorien und Herrschaftsverhältnissen zugunsten weißer Subjekte. Ist Sexismus &#8220;schwerwiegender&#8221; als Rassismus? Schafft Geschlecht mehr Ungleichheit als beispielsweise Hautfarbe oder Herkunft? Ein &#8220;Ja&#8221; als Antwort auf diese Fragen würde bedeuten, die jahrzehntelangen Kämpfe von Women of Color, MigrantInnen und Flüchtlingen sowie deren Bedeutung für feministische Theoriebildung und Entwicklungen innerhalb der Gender Studies auszublenden. Mit einem solch verkürzten Blick können sozialökonomische Phänomene wie ethnische Unterschichtung und Prekarisierung von rassifizierten Gruppen nicht erklärt, geschweige denn überhaupt sichtbar gemacht werden.</p>
<p>3. Werden die Produktionsverhältnisse als Hauptnarrativ in der Vergesellschaftung von Individuen angesehen und dabei nicht geopolitisch kontextualisiert, reproduziert dies ein eurozentristisches Denken: Kapitalistische Ausbeutungsformen werden ohne rassistische und postkoloniale Konstituenten und Kontinuitäten universalisierend für alle Individuen gleich gewaltförmig gesetzt. Ein neoliberaler Kapitalismus agiert stets global. Er kann sich auf ein postkoloniales Machtgefälle zwischen Metropole und Peripherie &#8220;verlassen&#8221; und daraus schöpfen. Daher ist es dringend notwendig ist, Ökonomiekritik mit Rassismuskritik und Erkenntnissen aus den Postcolonial Studies zu verbinden.</p>
<p>Die skizzierten Einwände machen vor allem eines deutlich: Feministische Gesellschaftskritik darf sich nicht darauf beschränken, allgemein gültige Aussagen zu produzieren und daraus politische Forderungen abzuleiten. Feministische Gesellschaftskritik braucht queere, postkoloniale und rassismuskritische Blickwinkel und muss sich von der Zielsetzung lösen, einzig die Emanzipation von &#8220;Frauen&#8221; aus unterdrückerischen Strukturen zu wollen.</p>
<p>Dekonstruktivismus, der als Denkrichtung und Herangehensweise in Queer-, Rassismus- und postkoloniale Theorie eingeflossen ist, kann hierbei behilflich sein. Denn es geht bei Dekonstruktivismus wie gesagt nicht um die Abschaffung begrifflicher Grundlagen. Vielmehr geht es um die Untersuchung, wie sich Wissen und Macht zueinander verhalten und wie Subjekte in dieses Geflecht eingebunden sind. Wie werden Ausschlüsse produziert, was bleibt in der Formulierung von Gesellschaftskritik ungesagt und intransparent? Dekonstruktivismus ermöglicht eine kritische Relektüre des bereits Gedachten und Gesagten und macht so in der Konsequenz die Widersprüchlichkeit, die Heterogenität und Komplexität gesellschaftlicher Phänomene sichtbar.</p>
<p>Für queere Politiken bedeutet dies ferner, Heterosexualität und die Norm der Zweigeschlechtlichkeit als Zwang und Herrschaftsprinzip zu entlarven sowie gewaltförmige gesellschaftliche Normalisierungen entlang von sexuellen Identitäten und Körpern zu kritisieren. Diese Kritik ist immer im jeweiligen ökonomischen wie politischen Kontext zu betrachten, in dem sie geäußert wird. Es muss also hinterfragt werden, warum es vorwiegend weiße homosexuelle Frauen und Männer aus der Mittelschicht sind, die ihr Recht auf Eheschließung einfordern. Genauso, wie es nachdenklich stimmen muss, wenn diese sich mit konservativen Kräften die Hände reichen im Kampf gegen Homophobie, die wiederum nicht mehr als gesamtgesellschaftliches Problem kritisiert, sondern als &#8220;kulturelle&#8221; Eigenschaft den rassifizierten Anderen zugeschrieben wird &#8211; dieselben konservativen Kräfte, die sich gegen Affirmative Action Programme in der Privatwirtschaft aussprechen und vehement die Privatautonomie und Liberalisierung der Märkte verteidigen.</p>
<p><strong>Die kritische Reflexion aller Machtmechanismen</strong></p>
<p>Nicht nur queere AktivistInnen intervenieren dort, wo die Forderung nach Gleichberechtigung sich in eine Privilegienvergabe für Einzelne zu verwandeln droht. Vor allem People of Color und MigrantInnen äußern immer wieder Kritik an der Unsichtbarmachung oder Aneignung ihrer Perspektiven durch weiße FeministInnen. Bereits vor 40 Jahren hat der feministische Universalgedanke, alle Frauen aus der Herrschaft des Patriarchats zu befreien oder eine fundamentale Angleichung an das männliche Ideal einzufordern, zu Entsolidarisierung und Spaltung geführt.</p>
<p>Obwohl seitdem postkoloniale und rassismuskritische Perspektiven einbezogen werden, bleiben Machtmechanismen fernab von Sexismus und vielfältige soziale Positionierungen, die eine Person auf sich vereinen kann, häufig unterreflektiert. Die Belange von People of Color, MigrantInnen und Flüchtlingen werden als Partikularprobleme der feministischen Bewegung deklariert, als solche, die besser unter dem Label Antirassismus zu führen seien, Probleme, die der Feminismus nicht auch noch bearbeiten könne. Oder sie werden dafür instrumentalisiert, vermeintlich westliche Errungenschaften hervorzuheben.</p>
<p>Aktuelles Beispiel: die Burka-Debatte. Hier müsste nach dekonstruktiver Devise eigentlich zunächst geklärt werden, wer sich anmaßt, für wen zu sprechen, und was mit der &#8220;Befreiung der muslimischen Frau&#8221; eigentlich gemeint ist und bezweckt wird. Tatsächlich aber koalieren reaktionäre und feministische VertreterInnen, entwerfen Schreckensszenarien über den &#8220;gefährlichen&#8221; Islam und rechtfertigen damit eine rassistische Integrations- und Flüchtlingspolitik in Europa &#8211; eine Politik, die selektiv Menschenrechte zugesteht oder aberkennt und MigrantInnen nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit einteilt.</p>
<p>Nicht zuletzt müssen sich die KritikerInnen postmoderner Feminismen fragen lassen, ob sie nicht die eine oder andere feministische Forderung aus den Augen verloren haben, die lange vor der Einführung dekonstruktivistischen Denkens aufgestellt wurde: Wir erinnern uns an die Vorschläge zur Aufwertung von Weiblichkeit im Bereich der (zum Teil unbezahlten) Reproduktionsarbeit (Stichwort: Ethik der Fürsorge). Diese erschwerten oder verunmöglichten gar eine umfassende Ökonomiekritik: Die Geschlechterdifferenz und ihre ökonomische Verwobenheit wurden als gegeben hingenommen. Es wurde sogar versucht, diese positiv zu besetzen. Hier gerieten strukturelle Verhältnisse aus dem Fokus feministischer Kritik, obwohl gesellschaftstheoretische Überlegungen bereits zur Analyse zur Verfügung standen.</p>
<p>Die essenzialisierenden Sichtweisen auf Geschlecht führten zu einer identitären feministischen Praxis. Sie konnte sich nicht vom kritisierten patriarchalen Vorgang der Aufspaltung und Erklärung von Welt und Sein in dichotome und ausschließliche/ausschließende Entitäten lösen. Das Kritisierte wurde reproduziert. Darüber hinaus wurde ausgeblendet, dass auch Frauen an Gewalt und Herrschaft beteiligt sind.</p>
<p>Es spricht also viel dagegen, Gruppen für widerständige Politiken und Kritik an sozialen Ungleichheiten zu vereinheitlichen. Dekonstruktivistische Perspektiven im feministischen Denken und Handeln einzunehmen heißt, die Gleichzeitigkeit, Verwobenheit und Überlagerung von Unterdrückungs- und Dominanzverhältnissen mitzudenken und kritisch gegen sich selbst zu wenden, um diese konsequent zu kritisieren.</p>
<p><strong>Das Ziel: Destabilisierung der unterdrückenden Strukturen</strong></p>
<p>Wenn das Ziel feministischen Denkens und Handelns die Selbstbestimmung und Emanzipation von Individuen und die Destabilisierung von unterdrückenden Strukturen und Dominanzen ist, muss Feminismus immer ein Ort sein, wo selbstreflektierend und selbstkritisch nach Ausschlüssen und Unsichtbarem gefragt wird. Denn Wissensproduktion und die Erarbeitung von widerständigen Politiken sind stets auch Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse.</p>
<p>Eine von globalen Machtverhältnissen losgelöste feministische Ökonomiekritik, die Zweigeschlechtlichkeit und Geschlecht als soziale Kategorie unkritisch wie priorisierend zum Gegenstand der Analyse macht, reifiziert und reproduziert hegemoniale Wissensvorräte und Herrschaftsformen. Wer die Produktionsverhältnisse nicht an ihre historischen Ermöglichungsbedingungen rückkoppelt und mit anderen Unterdrückungsmechanismen verknüpft, will die Befreiung einiger auf Kosten der Unfreiheit vieler. Feministische Gesellschaftskritik muss Rassismus- und postkoloniale Kritik sowie neuere Erkenntnisse feministischer, Gender- und Queertheorie anerkennen und einbeziehen. Schon allein deshalb, weil sich ein neoliberaler Kapitalismus herrschaftlicher Ideologien und Prinzipien bedient, um sich unter ihrem Deckmantel einzurichten.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen in <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak561/27.htm">Analyse und Kritik</a>, 20.05.2011.</p>
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		<title>Gender Pay Gap: Zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 13:01:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Gender Pay Gap]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechtersegregation]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Equal Pay Day 2011 findet in Deutschland dieses Jahr am 25. März statt. Er symbolisiert die Lohnschere zwischen den Geschlechtern, wonach alle erwerbstätigen Frauen fast drei Monate länger arbeiten müssten, um das Lohnniveau zu erreichen, welches alle erwerbstätigen Männer bereits zum 31. Dezember des Vorjahres erwirtschafteten. Gleichzeitig erinnert der Equal Pay Day an den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="http://maedchenmannschaft.net/lohnungerechtigkeiten-bekaempfen-equal-pay-day-2011/" target="_blank">Equal Pay Day 2011</a> findet in Deutschland dieses Jahr am 25. März statt. Er symbolisiert die Lohnschere zwischen den Geschlechtern, wonach alle erwerbstätigen Frauen fast drei Monate länger arbeiten müssten, um  das Lohnniveau zu erreichen, welches alle erwerbstätigen Männer bereits zum 31. Dezember des Vorjahres erwirtschafteten. Gleichzeitig erinnert der Equal Pay Day an den sogenannten Gender Pay Gap, der in Deutschland 23 Prozent misst. <a href="http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/VerdiensteArbeitskosten/Verdienstunterschiede/Aktuell__GenderPayGap.psml" target="_blank">Im europaweiten Vergleich</a> gehört die Bundesrepublik damit zu den Schlusslichtern.</p>
<p>Um den Gender Pay Gap ranken sich viele Gerüchte, Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten: Oft wird fälschlicherweise angenommen, Frauen verdienten für die gleiche Arbeit im Schnitt 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Bei der Zahl handelt es sich jedoch um eine kulminierte Größe, die sich aus mehreren Faktoren zusammensetzt und die geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation anhand des Lohnniveaus repräsentiert. Das bedeutet zunächst, dass der Lohnunterschied (Bruttostundenlohn) aller Erwerbstätigen &#8211; aufgeschlüsselt nach (binärem) Geschlecht &#8211; durchschnittlich 23 Prozent beträgt.</p>
<p>Ursächlich für diesen Unterschied sind vor allen Dingen strukturelle Ungleichheiten des Arbeitsmarktes, also institutionalisierte Verfahren und Praxen, die Frauen und Männer unterschiedlich betreffen. Diese sind einerseits auf die geschlechtliche Arbeitsteilung in Produktions- und Reproduktionsarbeit seit Beginn der Industrialisierung zurückzuführen. Andererseits basiert Entgeltungleichheit auf verschiedenen Vorannahmen über Geschlecht und damit verbundene Rollenzuweisungen und Bewertungen. Hinzu kommen Faktoren, die spezifisch für neoliberal-kapitalistisch organisierte Gesellschaften sind, die wiederum Männer und Frauen unterschiedlich tangieren und ökonomisch positionieren. Ein geringer Anteil des Gender Pay Gap ist auf unmittelbare sexistische und frauenfeindliche Diskriminierung zurückzuführen und tritt unabhängig neben den eben genannten Ursachen auf.</p>
<p>Weiterhin ist im Zusammenhang mit dem Gender Pay Gap von der Zahl 8 die Rede. Hierbei handelt es sich um den &#8220;bereinigten&#8221; Gap, also den durchschnittlichen Lohnunterschied von Männern und Frauen bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit, der etwa acht Prozent beträgt.</p>
<p><strong>Der geschlechtersegregierte Arbeitsmarkt lässt sich laut Fachliteratur unter anderem folgendermaßen charakterisieren:</strong></p>
<ul>
<li> horizontale und vertikale Arbeitsmarktsegregation: unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen in Berufsbranchen und Positionen, Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und in Niedriglohnsektoren als Männer</li>
<li>&#8220;Gläserne Decken&#8221; und <a href="http://www.urbandictionary.com/define.php?term=Old%20Boy's%20Network" target="_blank">Old Boys Networks</a>, die Aufstiegschancen verringern oder verunmöglichen</li>
<li>Unternehmenskultur, die keine Rücksicht nimmt auf Work-Life-Balance oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Präsenzzeit gilt nach wie vor als Hauptkriterium für Leistung</li>
<li> unterschiedliche Erwerbsbiografien (meistens aufgrund von Mutterschaft und Elternzeit) und damit schlechtere Chancen beim Wiedereinstieg</li>
<li> Leistungsbewertungs- und Lohnfestsetzungsverfahren sowie Tarifverträge segregieren nach Geschlecht</li>
<li>Gehaltsverhandlungen, in denen Frauen aufgrund von Stereotypisierungen und Diskriminierung oft <a title="Selber schuld: Frauengehälter-Studien" href="http://maedchenmannschaft.net/selber-schuld-frauengehalter-studien/" target="_blank">schlechter abschneiden</a></li>
<li> Auslagerung und Privatisierung von <a href="http://www.gwi-boell.de/web/wirtschaften-care-arbeit-oekonomie-konzepte-worschech-3178.html" target="_blank">Care-Arbeit</a>, die hauptsächlich von Frauen verrichtet wird und deren Bedarf aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zunehmen wird</li>
<li>Wertschöpfungslogik: unterschiedliche Bewertung und Bezahlung von Berufssektoren nach dem Prinzip ökonomischer Verwertbarkeit, hier &#8220;gewinnen&#8221; die männerdominierten Bereiche</li>
<li> Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitswelt sowie Auswirkungen von Finanzkrisen, von denen in der Mehrzahl Frauen negativ betroffen sind</li>
<li> Globalisierungs- und Transnationalisierungstendenzen in Weltmarkt und -handel (Öffnung und Liberalisierung der Märkte)</li>
<li> Die Prinzipien &#8220;Vertragsfreiheit&#8221; und &#8220;Privatautonomie&#8221; garantieren privatwirtschaftlichen Unternehmen weite Handlungsspielräume von Verfassungsrang, ohne staatliche Zugriffe fürchten zu müssen &#8211; weshalb <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Affirmative_Action" target="_blank">Affirmative Action</a> oder  <a href="http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/expertise_positive_ma%C3%9Fnahmen.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank">ausgleichende Maßnahmen</a> (PDF) zur Bekämpfung von Geschlechterungerechtigkeit schwer etabliert werden können</li>
</ul>
<p>Vergessen wird bei den Diskussionen um den Gender Pay Gap und die geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation oft, dass (Arbeits)Migrant_innen und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_color" target="_blank">People of Color</a> von dieser Problematik <a href="http://minderheiten.at/stat/stimme/stimme51i.htm" target="_blank">in besonderer Weise betroffen sind</a>. Je nach Herkunftsland, Hautfarbe und Migrationsgeschichte beziehungsweise Aufenthaltsdauer in Deutschland haben Migrant_innen und People of Color mit einer sehr restriktiven Zuwanderungs- und Integrationspolitik (Aufenthaltsrecht, Illegalisierung, Assimilisierungsdruck, &#8220;Integrationsmaßnahmen&#8221;) und institutionalisiertem, strukturellem sowie offenem Rassismus zu kämpfen. Sie sind damit entsprechend noch schlechter auf dem Arbeitsmarkt positioniert als Mitglieder der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Dieses Phänomen wird mit &#8220;ethnischer Unterschichtung&#8221; bezeichnet und sedimentiert den Geschlechterunterschied auf dem Arbeitsmarkt noch einmal zusätzlich.</p>
<p><strong>Wenn ihr euch umfassend über strukturelle Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, Gender Pay Gap und Lohnungleichheit informieren wollt, könnten nachfolgende Quellen für euch interessant sein:</strong></p>
<p>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2008): Geschlechtsspezifische Lohndifferenzen nach dem Berufsstart und in der ersten Berufsphase, Berlin. (<a href="http://www.boeckler.de/pdf/p_ta_lohnspiegel_berufsanfaengerinnen.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2009): Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern in Deutschland. Dossier, Berlin. (<a href="http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Dossier-Entgeltungleichheit,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Femina Politica: Modernisierung des Wohlfahrtsstaates &#8211; Modernisierung sozialer Ungleichheit?, 2005 (2), Opladen: Verlag Barbara Budrich. (<a href="http://www.femina-politica.de/inhalte/modernisierung_wohlfahrtsstaat.html" target="_blank">Inhalt</a>)</p>
<p>Feministische Studien: Organisation, Geschlecht, soziale Ungleichheiten, 2010 (1), Stuttgart: Lucius &amp; Lucius. (<a href="http://www.feministische-studien.de/index.php?id=25&amp;no_cache=1&amp;paper=42" target="_blank">Inhalt</a>)</p>
<p>Feministische Studien: Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie, 2007 (2), Stuttgart: Lucius &amp; Lucius. (<a href="http://www.feministische-studien.de/index.php?id=25&amp;no_cache=1&amp;paper=22" target="_blank">Inhalt</a>)</p>
<p>Geschäftsstelle Gleichstellungsbericht: Neue Wege &#8211; Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Gutachten der Sachverständigenkomission unter Vorsitz von Prof. Dr. Ute Klammer an das BMFSFJ, Fraunhofer Gesellschaft, München, 2011. (<a href="http://www.fraunhofer.de/Images/110204_Gleichstellungsbericht_final_tcm7-78851.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Gottschall, Karin (2004): Soziale Ungleichheit und Geschlecht, In: Ruth Becker; Beate Korthendiek (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Opladen: Leske + Budrich, 188-195.</p>
<p>Gottschall, Karin (2009): Arbeitsmärkte und Geschlechterungleichheit &#8211; Forschungstraditionen und internationalerVergleich, In: Brigitte Aulenbacher; Angelika Wetterer (Hg.), Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung, Münster: Westfälisches Dampfboot, 120-137.</p>
<p>Gottschall, Karin (2010): Arbeit, Beschäftigung und Arbeitsmarkt aus der Genderperspektive, In: Fritz Böhle; G. Günter Voß; Günther Wachtler (Hg.), Handbuch für Arbeitssoziologie, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 671-698.</p>
<p>Heintz, Bettina (unter Mitarbeit von E. Nadai, R. Fischer, H. Ummel) (1997): Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes, Frankfurt/M.: Campus.</p>
<p>Leitner, Andrea (2001), Frauenberufe &#8211; Männerberufe: Zur Persistenz geschlechtshierarchischer Arbeitsmarktsegregation, In: Institut für Höhere Studien, Reihe Soziologie Nr.47, Wien. (<a href="http://www.equi.at/pdf/leitner.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Mürner, Beat (2004): Geschlechtsspezfische Berufssegregation. Erklärungsansätze und deren empirische Bedeutung (<a href="http://homepage.swissonline.ch/bmuerner/berufswahl/pdfs/segregation.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>Ruggieri, Deborah/Wanzek, Ute (2011): Argumente zu Wirtschaft und Arbeitsmarkt, In: Ebenfeld, Melanie/Köhnen, Manfred (Hg.): Gleichstellungspolitik kontrovers. Eine Argumentationshilfe, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, 37-47. (<a href="http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07877.pdf" target="_blank">PDF</a>)</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf <a href="http://maedchenmannschaft.net/gender-pay-gap-zur-geschlechtsspezifischen-ungleichheit-auf-dem-arbeitsmarkt/">maedchenmannschaft.net</a>, 24.03.2011</p>
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		<title>Anonymisierte Bewerbungen gegen Diskriminierung?</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Nov 2010 13:08:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Bewerbungen]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet heute das Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren und konnte für den Modellversuch fünf Unternehmen gewinnen: Deutsche Post, Deutsche Telekom, L&#8217;Oreal, MyDays und Procter&#38;Gamble. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird sich ebenfalls beteiligen. Begleitet und wissenschaftlich unterstützt wird das Projekt vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet heute das <a href="http://www.antidiskriminierungsstelle.de/ADS/Antidiskriminierungsstelle/aktuelles,did=159374.html" target="_blank">Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren</a> und konnte für den Modellversuch fünf Unternehmen gewinnen: Deutsche Post, Deutsche Telekom, L&#8217;Oreal, MyDays und Procter&amp;Gamble. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird sich ebenfalls beteiligen. Begleitet und wissenschaftlich unterstützt wird das Projekt vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina (KOWA).</p>
<p>Bei einem anonymisierten Bewerbungsverfahren füllen Interessierte auf eine Stelle einen Bewerbungsbogen aus, der diskriminierungsanfällige Informationen bewusst nicht abfragt. Das heißt: Alter und Geschlecht sollen definitiv bei der Vorauswahl der Bewerbungen nicht erkennbar sein. Eine Behinderung kann von den Bewerbenden optional angegeben werden, da das Merkmal Behinderung nach dem Sozialgesetzbuch IX unter besonderem Diskriminierungsschutz steht und Unternehmen hierzu strenge Auflagen erfüllen müssen.</p>
<p>Dem Bewerbungsbogen wird ein Motivationsschreiben beigefügt sein, in dem die Interessierten sich wie gewohnt vorstellen. Sollten in dem Motivationsschreiben Hinweise zu finden sein, die eindeutig auf eines der in Deutschland unter Diskriminierungsschutz stehenden Merkmale (Alter, Geschlecht, Behinderung, rassistische Zuschreibung/ethnische Herkunft, sexuelle Identität, Religion/Weltanschauung) rückführbar sind, so werden diese Informationen nachträglich geschwärzt.</p>
<p>IZA und KOWA werden die eingegangenen Bewerbungen sichten, gegebenenfalls wie gerade beschrieben modifizieren und diese dann den Personalverantwortlichen der teilnehmenden Institutionen und Unternehmen zukommen lassen. Festgestellt werden soll, ob sich die Einstellungspraxis der Teilnehmenden durch anonymisierte Bewerbungen ändert und an welchen Stellen Nachbesserungsbedarf beziehungsweise Diskriminierungspotenzial besteht. Soviel zur Theorie.</p>
<p><span id="more-221"></span>Ich hatte vor ein paar Tagen die Gelegenheit diesen Modellversuch der Antidiskriminierungsstelle vorgestellt zu bekommen und bin sehr skeptisch, ob dieses Projekt die Lage der Betroffenen verbessern wird. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das seit vier Jahren Menschen vor Diskriminierung unter anderem im Berufsleben schützen soll, hat bisher kaum Wirkung gezeigt. Einerseits verunmöglicht das AGG durch etliche rechtliche Hürden den Klageweg für Betroffene nahezu (Fehlende Beweislastumkehr, kein Verbandsklage- und Beistandsrecht für Antidiskriminierungsverbände, sehr kurze Nachweisfrist, etc.), andererseits spielt das <a href="http://www.migration-boell.de/downloads/diversity/AGG_Projektbericht_09-02-18.pdf" target="_blank">Gesetz in den einzelnen Unternehmen so gut wie keine Rolle</a>.</p>
<p>Was fehlt, ist das Bewusstsein für Diskriminierung in der Gesellschaft, wie Diskriminierung wirkt und wer davon in welchem Maße betroffen ist. Dementsprechend sehen Unternehmen keine Notwendigkeit ihre Einstellungspraxis zu verändern. Das AGG bietet hierzu weder ausreichend Sanktionsmöglichkeiten noch werden Jurist_innen hinreichend in Antidiskriminierungsrecht ausgebildet. Die <a href="http://www.migration-boell.de/web/diversity/48_2306.asp" target="_blank">bisher gefällten Urteile zum AGG lassen keinen anderen Schluss zu</a>, als dass gerade institutionell verankerte Benachteiligungen und Diskriminierungsmuster nicht ausreichend reflektiert und anerkannt sind. Antidiskriminierungspolitik und EU-Antidiskriminierungsrichtlinien werden in anderen EU-Ländern wie Großbritannien wesentlich strikter und nachhaltiger umgesetzt.</p>
<p>So werden mit den anonymisierten Bewerbungsverfahren zwar potenziell mehr Menschen zu Gesprächen eingeladen, <a href="http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/der-fluch-des-tuerkischen-namens/1678720.html" target="_blank">die vorher kaum Chancen hatten</a>, doch solange der Antidiskriminierungsgedanke nicht im Kopf des/der Personaler_in angekommen ist, werden auch weiterhin die Arbeitnehmenden eines Unternehmens hauptsächlich homogen zusammengesetzt sein, das Gejammer um Fachkräftemangel hin oder her. Darüber hinaus beinhaltet allein der anonymisierte Bewerbungsbogen (den die teilnehmenden Organisationen und Unternehmen nach ihren eigenen Vorstellungen verändern dürfen!!) bereits ausreichend Angaben, die Rückschlüsse auf <a href="http://www.antidiskriminierungsstelle.de/RedaktionBMFSFJ/RedaktionADS/PDF-Anlagen/20101124__Bewerbungsbogen__anonymisiert__Muster,property=pdf,bereich=ads,sprache=de,rwb=true.pdf" target="_blank">Alter und Geschlecht</a> zulassen (Name, Wehrpflicht, Ausbildung, Berufserfahrung). Dass Studium oder besondere Zusatzqualifikationen (Weiter- und Fortbildungen, Sprachkenntnisse) auch hierzulande ein Privileg von Wenigen sind, Menschen aus bestimmten sozialen Schichten oder bestimmten &#8220;Migrationshintergründen&#8221; bereits in der Primarschule Diskriminierung ausgesetzt sind, kann ein anonymisierter Bewerbungsbogen nicht darstellen.</p>
<p>Ein anonymisierter Bewerbungsbogen wird auch nicht verhindern, dass &#8220;Kopftücher gleich mal aussortiert werden, weil sie den Betriebsfrieden stören&#8221; (Zitat eines Geschäftsführers in der <a href="http://www.migration-boell.de/downloads/diversity/AGG_Projektbericht_09-02-18.pdf" target="_blank">Studie zum AGG in Unternehmen</a>). Von anderen Benachteiligungen im Unternehmen wie sexuelle Belästigung und Lohndiskriminierung einmal abgesehen, wird ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren meines Erachtens nach nicht den Schalter im Kopf umlegen, dass Diskriminierung eine nicht hinnehmbare Verletzung der Menschenwürde ist.</p>
<p>Solche Maßnahmen müssen flankierend und integriert eingesetzt werden und sie dürfen nicht allein dem Ziel dienen, Zahlen und Statistiken zu Diskriminierung in Deutschland zu generieren, wie es eine Vertreterin der Antidiskriminierungsstelle vor ein paar Tagen in meiner Anwesenheit ähnlich formulierte. Diese Zahlen und Statistiken gibt es bereits zuhauf, Diskriminierung ist in Deutschland nicht wegzudiskutierende Alltäglichkeit. Einfach mal mit Betroffenen reden, Antidiskriminierungsverbände kontaktieren, die Augen offen halten, sich sensibilisieren.</p>
<p>Ich fragte bei der Vertreterin nach, warum keine der vielen Antidiskriminierungsverbände das Projekt begleitet. Diese könnten beispielsweise zeitgleich zum Bewerbungsverfahren Sensibilisierungstrainings und AGG-Beratung in den Unternehmen anbieten. Antwort: &#8220;Warum sollen wir mit Antidiskriminierungsverbänden zusammenarbeiten?&#8221; Richtig. Eine nationale Antidiskriminierungsstelle, die nicht einmal Betroffene in einer anderen Sprache als Deutsch beraten kann, braucht natürlich keine Unterstützung.</p>
<p>Ich bin jedenfalls gespannt auf die Pressemitteilung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2011, in der sie uns mitteilt, dass die Deutsche Telekom das Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren super fand und überlegt, es nun längerfristig einzuführen. Während in der Personalabteilung von Unternehmen XY das nächste Kopftuch aussortiert wird.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf <a href="http://maedchenmannschaft.net/anonymisierte-bewerbungen-gegen-diskriminierung/">maedchenmannschaft.net</a>, 25.11.2010</p>
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		<title>Lassen Sie mich durch, ich bin Feministin!</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Nov 2010 02:15:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Alice Schwarzer]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kristina Schröder]]></category>

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		<description><![CDATA[Familienministerin Kristina Schröder verpasst dem Feminismus Schläge. Alice Schwarzer versucht zu retten, was nicht zu retten ist und bricht sich das Genick. Die Medien stehen im Weg rum. Zeit, die Debatte zu ordnen und auf neuere Entwicklungen zu verweisen. Eine Freundin des Feminismus ist sie nicht gerade, Familien- und Frauenministerin Kristina Schröder. Auch von Geschlechtergerechtigkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Familienministerin Kristina Schröder verpasst dem Feminismus Schläge. Alice Schwarzer versucht zu retten, was nicht zu retten ist und bricht sich das Genick. Die Medien stehen im Weg rum. Zeit, die Debatte zu ordnen und auf neuere Entwicklungen zu verweisen.</strong></p>
<p>Eine Freundin des Feminismus ist sie nicht gerade, Familien- und Frauenministerin Kristina Schröder. Auch von Geschlechtergerechtigkeit scheint sie wenig zu halten: Statt vielfältige Lebensentwürfe für alle zu ermöglichen, betreibt die Ministerin eine punktuell-einseitige Jungen- und Familienpolitik.</p>
<p>Trotzdem hätte das Echo auf ihre neuerlichen Äußerungen zum Thema Feminismus nicht gewaltiger ausfallen können. Feministin Alice Schwarzer ließ es sich auch nicht nehmen, gebührend auf Schröder zu antworten, was die Diskussion weiter anheizte: Während die eine Feminismus als unzeitgemäß und radikal abkanzelte, verlor sich die andere in rassistischen Tiraden gegen Muslime.</p>
<p>Kein Wunder, wenn da nicht mehr alle durchstiegen, und sich der eine oder die andere hämisch-grinsend über den vermeintlichen &#8220;Sex-Krieg&#8221; (so titelte natürlich die &#8220;Bild&#8221;) aus der Diskussion herauszog. Am Ende können wir also notieren: Viel Lärm um nichts. Oder etwa doch?</p>
<p>Bedauerlicherweise übersehen Medien, Schröder, Schwarzer und die zu Recht belustigten Beobachter und Beobachterinnen dieser Pseudodebatte nicht nur die feministischen Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre und ihre Errungenschaften für die heutige Gleichstellung und Geschlechterpolitik. Es werden auch all die Menschen unter den Tisch gekehrt, die diese Entwicklungen angestoßen und begleitet haben. </p>
<p>Feminismus in Teilen zu kritisieren, ist kein Tabubruch, sondern notwendiges Korrektiv. Konstruktive Kritik an sozialen Bewegungen ist allerdings wenig hilfreich, solange sie sich aus überheblich vorgetragenem Alltagswissen speist. Zu einer ausgewogenen Debatte gehört es, sich mit den Erkenntnissen feministischer und Gender-Theorie auseinanderzusetzen und die Stimmen von Menschen zu hören, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Das ist vielleicht ein bisschen mühsam, ein akademischer Abschluss ist dafür aber nicht notwendig, sondern lediglich ein Internetzugang.</p>
<p>Denn im Netz füllen unzählige Menschen unzählige Blogs und Webseiten mit aktuellen Entwicklungen, Debatten und Nachrichten rund um das Thema Geschlecht, vermitteln verklausulierte Theorie verständlich und lassen Personen zu Wort kommen, die für mehr Gleichheit zwischen Mann und Frau (und allen anderen Geschlechtern) kämpfen. Entgegen einiger Befürchtungen und Berührungsängste tummeln sich hier keine Männerhasserinnen oder Feinde der heteronormativen Kleinfamilie, wie uns Schröder glauben machen will. Im Gegenteil: Ziel ist es, an einer freiheitlicheren und gleichberechtigteren Gesellschaft mitzuwirken, die frei ist von Sexismus und Geschlechterzwängen.</p>
<p>Selbstredend ist dieser Tage der Schröder-Schwarzer-Zirkus und die Presselandschaft als sein Dompteur einschlägiges Top-Thema auch im Internet. Wer allerdings nur vorbeischaut, um sich beim Abgesang auf die &#8220;deutsche Ur-Feministin&#8221; (Zitat bei &#8220;Spiegel Online&#8221;) noch die letzten Sitzplätze und Freigetränke zu sichern, kommt leider ein paar Jahre zu spät.</p>
<p><em>Nadine Lantzsch ist Mitautorin des feministischen Weblogs <a href="http://maedchenmannschaft.net">maedchenmannschaft.net</a>.</em></p>
<p>&#8212;</p>
<p>Erschienen auf Tagesspiegel.de, 11.11.2010</p>
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		<title>Frauen als Täterinnen und die Kategorie Gender als Gewaltakt</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 13:11:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Mittäterinnenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat]]></category>

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		<description><![CDATA[Frauen als Täterinnen und Unterstützerinnen eines patriarchal organisierten Gewaltsystems wurden seit Beginn der Frauenbewegung immer wieder benannt, doch selten führte diese Benennung zu einer methodologischen und epistemologischen Veränderung innerhalb feministischer Forschung und Kritik. Unversalisierbar schien die Auffassung, das Patriarchat stelle eine allumfassende ausschließlich von Männern initiierte und ausgeübte Form der Unterdrückung von Frauen dar. Zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Frauen als Täterinnen und Unterstützerinnen eines patriarchal organisierten Gewaltsystems wurden seit Beginn der Frauenbewegung immer wieder benannt, doch selten führte diese Benennung zu einer methodologischen und epistemologischen Veränderung innerhalb feministischer Forschung und Kritik. Unversalisierbar schien die Auffassung, das Patriarchat stelle eine allumfassende ausschließlich von Männern initiierte und ausgeübte Form der Unterdrückung von Frauen dar. Zu tief saßen Trauma und Scham über die Gewaltverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an denen Männer und Frauen im gleichen Maße beteiligt waren, unter denen Männer und Frauen im gleichen Maße litten.</p>
<p>Die Täter-Opfer-Dichotomie begann erst in den 1980er Jahren brüchig zu werden, als kritische Feminist_innen die These der Mittäterinnenschaft nachhaltig innerhalb feministischer Diskurse etablieren konnten und so eine selbstkritische Perspektive auf das Geschlechterverhältnis eröffneten. Christina Thürmer-Rohr trug einen wesentlichen Teil dazu bei, das feministische Selbstbild zu überdenken und feministischer Forschung einen anderen methodologischen Zugang an die Hand zu geben, Herrschafts- und Machtformen zu analysieren und zu hinterfragen.</p>
<p>In „<a href="http://web.fu-berlin.de/postmoderne-psych/berichte2/thuermer_rohr.htm" target="_blank"><strong>Die unheilbare Pluralität der Welt &#8211; von Patriarchatskritik zur Totalitarismusforschung</strong></a>“ fasst Thürmer-Rohr den feministischen Diskurs des 20. Jahrhunderts grob zusammen und erläutert in chronologischer Abfolge politisches Denken und Handeln des Feminismus mit seinen jeweiligen Epistemen in Bezug auf Gewalt, Macht und Herrschaft. Weiter verknüpft sie Erkenntnisse der Totalitarismus- und feministischer Forschung und rekurriert dabei immer wieder auf Hannah Arendt, die Anerkennung von Dialog und Pluralismus forderte und in der Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen ein Mittel gegen totalitäre Bewegungen, Systeme und Denkansätze sah.</p>
<p>Die inhaltliche Nähe zu Arendts Erkenntnissen zu Formen totaler Herrschaft fußt auf Thürmer-Rohrs eigener Biografie: Ihr Vater war in der Zeit des Nationalsozialismus Offizier der Wehrmacht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Thürmer-Rohr sich kritisch mit ihren eigenen traumatischen Erfahrungen und ihrer Rolle als Frau in einem totalitären System, als Familienmitglied eines seiner Unterstützer_innen und dem Funktionieren des Systems selbst auseinander zu setzen. Später wendet sie sich gegen ihren Vater.</p>
<p>Weiterhin beeinflusst ist Thürmer-Rohrs Denken — neben der Totalitarismusforschung und Theorien Hannah Arendts — von dekonstruktivistischen Ansätzen: Sie hinterfragt Kategorien wie „Geschlecht“ und „Frau“, statt diese zu generalisierenden Begriffen zu machen, mit denen im Feminismus lange Zeit gearbeitet wurde (und noch immer wird). Was bedeuten Kategorien und welche Menschen sind damit gemeint? Wie inklusiv sind diese Kategorien?</p>
<p>Thürmer-Rohr begegnet geschlechtsspezifischen Identitätsbehauptungen mit großer Skepsis und wendet sich gegen die Einteilung von Menschen in feministische Subjekte und Objekte.  Die Kategorie „Frau“ ist für Thürmer-Rohr die „totalitäre Antwort auf eine totalitäre Geschlechterpolitik“. Das Klassifizieren von Menschen beschreibt sie als Gewaltakt, als Aussortieren des Anderen und als nicht legitimierte Aneignung des vermeintlich Eigenen.</p>
<p>So nimmt Thürmer-Rohr eine kritische Perspektive zum Feminismus ein, verwehrt sich jedoch jeglichen antifeministischen Auslegungen und Instrumentalisierungen ihrer Theorien. Vielmehr ist ihr Denken gekennzeichnet von einer Herangehensweise, die wie Arendt auf Pluralismus und Vielfalt abzielt. Auf das Ineinandergreifen von Kategorien, die sie nicht als Merkmale eines Menschen begreift, sondern als gewaltvolle Überstülpung und „Planierung von Differenz“.</p>
<p>In „Die unheilbare Pluralität der Welt&#8221; wendet sich Thürmer-Rohr postmoderner Philosophie zu, die in den Identitätsstiftungen der Moderne die Hauptursache für Terror, Gewalt, Macht und Herrschaft sah. Besonders in der Gegenüberstellung von Kategorien wie „Mann &#8211; Frau“ wird deutlich, dass hier Menschen auf eine angeblich wesentliche Eigenschaft reduziert werden, wobei das jeweilige „Wesensmerkmal“ und das Verhältnis der beiden zueinander universal und jederzeit ihre Wirkung entfalte. Mit dieser Vorstellung von einer dichotomen Aufteilung der Welt geht auch eine dichotome Vorstellung von Strukturen, sozialen, politischen und gesellschaftlichen Räumen einher, eine dichotome Vorstellung von Macht und Herrschaft, eine dichotome Vorstellung von Gewalt und eine dichotome Vorstellung von Täter_innen und Opfern.</p>
<p>Die Einteilung von Menschen in gegenüber gestellte Identitäten und die damit einhergehende Zuweisung von Eigenschaften, kulturellen und biologischen Codes, die Frauen lange Zeit gesellschaftliche wie politische Teilhabe erschwerte oder verunmöglichte, die einhergingen mit Gewaltanwendung und Machtausübung über das vermeintlich Andere, verlängert sich also nach Thürmer-Rohr in der feministischen Kritik dieser Zustände. Indem Frauen als universelle Opfer des Patriarchats konstruiert werden, können sie demnach also nicht gleichzeitig auch Gespielinnen, Mittäterinnen und Unterstützerinnen oder selbst Täterinnen sein. Sie werden erneut zu Objekten gemacht, ihnen wird erneut das Recht abgesprochen, sich als Individuen zu positionieren, die auf unterschiedliche Weise verstrickt sind in ein wesentlich komplexeres und diffizileres Feld von Macht, Herrschaft und Gewalt, als es bis dato von Feminist_innen gezeichnet wurde.</p>
<p>Thürmer-Rohrs Kritik an der feministischen Patriarchatslogik und seiner vereinfachenden Sichtweise beschränkt sich dabei nicht nur auf die Aufarbeitung der Gewaltverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, sie bezieht ganz allgemein Stellung zu allen Formen von Herrschaft und verdeutlicht den Zusammenhang einer feministischen Aneignungspolitik qua Subjekt „Frau“ und totalitären Normierungsprozessen. Das biologische wie soziale Geschlecht als einzig gültige Unrechtskategorie zu beschreiben, vernebele den Blick auf andere Formen der Ausübung von Dominanz und Herrschaft und damit eine selbstkritische Auseinandersetzung mit diesen. Als Beispiel führt sie Kolonialismus und Postkolonialismus an.</p>
<p>Mit der These von Mittäterinnenschaft ist es möglich auch innerhalb der vermeintlichen Opfergruppe „Frau“ Dominanzkulturen und Mechanismen aufzuspüren, die neben dem Patriarchat andere Unrechtsregime produzieren. So werden die Belange von subalternen Gruppen sichtbar, für die Patriarchat und Sexismus weniger Ausschluss produzieren, denn beispielsweise Rassismus. Thürmer-Rohr wird deutlich, dass Frauen jahrzehntelang ignorierten, dass auch sie nicht freigesprochen werden können von initiierten Ausschlüssen und Gewaltakten jeglicher Art.</p>
<p>Thürmer-Rohrs Kritik am Feminismus stellt damit allerdings keinen Delegitimierungsversuch desselbigen dar. Vielmehr kann „Die unheilbare Pluralität der Welt“ als eine Handlungsaufforderung verstanden werden, feministische Forschung und politische Praxis des Feminismus selbstreflektierend wahrzunehmen und die eigene Positionierung immer wieder neu zu denken und in Bezug zum feministischen Subjekt zu setzen. Thürmer-Rohr plädiert für ein weiter gefasstes Verständnis von Herrschaft, für einen Feminismus, der sich gegen alle Formen totalitärer Herrschaft wendet, ein Feminismus, der inklusiv und pluralistisch strukturiert ist. Sie gab damit wichtige Impulse für die feministische Forschung jener Zeit, eröffnete neue politische Handlungsfelder und verlieh antirassistischer Arbeit innerhalb des Feminismus insgesamt mehr Gewicht.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf <a href="http://maedchenmannschaft.net/frauen-als-taterinnen-und-die-kategorie-gender-als-gewaltakt/">maedchenmannschaft.net</a>, 30.09.2010</p>
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		<title>Frauen und Fußball</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 01:19:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Rollenbilder]]></category>

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		<description><![CDATA[Fußball war lange Zeit mein großes Hobby: Bereits mit sieben Jahren stand ich fast jedes Wochenende und unzählige regenfreie Nachmittage auf dem Bolzplatz. In Vorbereitung auf die nächste Ballerrunde mit den Jungs aus der Nachbarschaft zelebrierte ich es, mich in mein Karl-Heinz-Riedle-Outfit zu werfen. Die Stutzen saßen perfekt und das Trikot schlabberte lässig. Bundesliga auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fußball war lange Zeit mein großes Hobby: Bereits mit sieben Jahren stand ich fast jedes Wochenende und unzählige regenfreie Nachmittage auf dem Bolzplatz. In Vorbereitung auf die nächste Ballerrunde mit den Jungs aus der Nachbarschaft zelebrierte ich es, mich in mein Karl-Heinz-Riedle-Outfit zu werfen. Die Stutzen saßen perfekt und das Trikot schlabberte lässig.</p>
<p>Bundesliga auf Sat1, Champions League auf RTL und Länderspiele auf ARD und ZDF: Das Wohnzimmer wurde zur Mama-freien Zone erklärt. Was feierten mein Vater und ich den hochroten Kopf eines Uli Hoeneß, wenn Bayern München verlor, was kochten wir vor Wut, wenn sie am Ende doch die Meisterschale in den Händen trugen.</p>
<p>Als ich mit zehn Jahren meinen Vater völlig unbefangen und sorglos fragte, ob ich nicht Fußball spielen könnte, also so richtig, ohne Wiese vor der Haustür und einer Torbegrenzung aus zwei kleinen Steinen oder schmalen Baumstämmen, reagierte er unerwartet: „Nein. Damit machst du dir als Mädchen nur die Beine kaputt.“ Seine Antwort überraschte mich, waren wir doch seit jeher ein eingespieltes Pille-Team. Gegen das Bolzen mit Freunden hatte er schließlich auch nie etwas einzuwenden.</p>
<p>Es war kein eindeutig ausgesprochenes Verbot, doch wie sollte ich mich als Zehnjährige schon ohne die Unterschrift meiner Eltern unter dem Mitgliedsausweis in einem Verein anmelden? Meine Mutter fragte ich nie – Frauen und Fußball eben, so dachte ich. Im Nachhinein war ich ganz glücklich, meine Profikarriere so früh an den Nagel gehängt zu haben. Denn am Ende waren es nicht die Rollenbilder, die mir einen Strich durch die Rechnung machten, sondern meine Gesundheit.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>Erschienen in Der Freitag <a href="http://www.freitag.de/wochenthema/1021-text-maedchenmannschaft">zusammen mit anderen Texten</a>, 27.05.2010</p>
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		<title>Differenz, Dekonstruktion oder Gleichheit?</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 13:06:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Dekonstruktion]]></category>
		<category><![CDATA[Differenz]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gender Studies]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Welche der drei wesentlichen Paradigmen der Frauen- und Geschlechterforschung können substanzielle Chancengleichheit garantieren und verwirklichen? Wie funktionieren die drei Konzepte in ihrer praktischen Umsetzung? Wo liegen Stärken und Schwächen der Konzepte und wo schlagen sie sich in aktuellen Gleichstellungspolitiken nieder? Gudrun-Axeli Knapp* versucht in ihrem Text &#8220;Gleichheit, Differenz, Dekonstruktion: Vom Nutzen theoretischer Ansätze der Frauen- [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Welche der drei wesentlichen Paradigmen der Frauen- und Geschlechterforschung können substanzielle Chancengleichheit garantieren und verwirklichen? Wie funktionieren die drei Konzepte in ihrer praktischen Umsetzung? Wo liegen Stärken und Schwächen der Konzepte und wo schlagen sie sich in aktuellen Gleichstellungspolitiken nieder?</p>
<p>Gudrun-Axeli Knapp* versucht in ihrem Text &#8220;Gleichheit, Differenz, Dekonstruktion: Vom Nutzen theoretischer Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung für die Praxis&#8221; Antworten auf diese Fragen zu finden, und kommt zunächst zu sehr nüchternen Ergebnissen: Noch immer dienen Erfahrungswissen und pragmatische Herangehensweisen als Grundlage von Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer. Zu selten, und wenn überhaupt stark verkürzt, wird auf fundiertes Wissen der Frauen- und Geschlechterforschung bei der Gleichstellungsarbeit zurückgegriffen. Das führt nicht selten dazu, dass Gleichstellungspolitik in einer Sackgasse landet, nicht zielführend ist und zum Teil das Gegenteil erreicht: Eine Festschreibung von Geschlechterdifferenzen.</p>
<p>Sie plädiert für eine „theoretisch reflektierte Praxis“, die Wissenschaft und Politik nicht einander entgegenstellt, sondern beide als einander inkludierende und interdependente Vorgehensweisen betrachtet. Dabei genügt es nicht, aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft für Gleichstellungsarbeit zu operationalisieren: Für Knapp sind Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung keine starren Patentrezepte für die Umsetzung von Chancengleichheit und Gleichbehandlung.</p>
<p>Diese können je nach Kontext, in den sie eingebettet sind, variieren und je nach (Anwendungs-)erfahrung und Betrachtungsweise eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Auch Geschlechter- verhältnisse sind immer wieder im Wandel begriffen und Differenzen zwischen den Geschlechtern historisch gewachsen. Und können sich trotzdem in verschiedenen Gesellschaften und Gruppen unterschiedlich repräsentieren. Praxiserfahrungen von Gleichstellungspolitiken und wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich also wechselseitig aufeinander, während sie sich selbst verändern und verändert werden.</p>
<p><span id="more-219"></span></p>
<p>Kritik äußert Knapp auch an der Tatsache, dass die Konzepte um Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion selbst gegeneinander ausgespielt wurden und werden, indem sie als konkurrierend und unvereinbar zueinander konstruiert werden. Dies hat zur Folge, dass die Konzepte in den diversen Gleichstellungspolitiken ausschließlich und nicht gemeinsam verhandelt und umgesetzt werden. Als erschwerend und bremsend für eine effiziente Gleichstellungspolitik kommt für Knapp hinzu, dass Gleichstellungskonzepte selbst negativ besetzt und umgedeutet werden.</p>
<p>Sie verlieren so ihren Gleichstellungscharakter für die breite Öffentlichkeit, büßen an Akzeptanz ein und werden am Ende als Perpetuierung einer Geschlechterdifferenz angesehen, statt Hilfestellung und Motor für eine Aufweichung dieser. Sie skizziert das am Beispiel der Frauenförderung, die nach wie vor als Förderkatalog für Frauen angesehen wird, die Männer und strukturelle Gegebenheiten nicht in den Blick nimmt und Frauen als defizitäre Gruppe imaginiert, statt als „kritisches Korrektiv“ für „unausgewogene Verhältnisse und institutionelle Gewohnheiten, die Diskriminierung produzieren.“</p>
<p>Obwohl Knapp im weiteren Verlauf des Textes die Konzepte von Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion nachvollziehbar und verständlich erklärt, deren Wirksamkeit und praktische Umsetzung, sowie bisherige theoretische Ansätze kritisch hinterfragt, wird dennoch deutlich, dass sie selbst einen verkürzten Blick auf mögliche und bereits praktizierte Konzepte von Gleichstellungspolitik einnimmt. Sie behandelt Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion lediglich im Kontext von Frauenförderung und zeigt auf, inwiefern sich die drei theoretischen Paradigma in diesem Feld aufeinander beziehen, einander bedingen und beeinflussen. Neuere Ansätze wie Gender Mainstreaming, Managing Diversity sowie punktuelle Gleichstellungsansätze in Organisationen oder normative Gleichstellung qua Rechtssetzung durch Gleichbehandlungsgebote und Diskriminierungsverbote finden sich im Text von Knapp nicht wieder.</p>
<p>Zwar spricht sie am Beispiel von Gleichheitsansätzen auch von einer Politik der Antidiskriminierung, erwähnt aber die normativen Regelungen, die Gesetze bieten, nicht explizit. Der rechtliche Rahmen für Gleichstellung und Gleichstellungspolitiken bleibt somit außen vor und damit auch eine Betrachtung dessen unter den Gesichtspunkten von Differenz, Dekonstruktion und Gleichheit. RechtswissenschaftlerInnen wie Susanne Baer oder Beate Rudolf haben bereits an vielen Stellen auf die Notwendigkeit einer Einbeziehung feministischer Betrachtungsweisen auf verschiedene Rechtskontexte und die rechtswissenschaftliche Spiegelung von Frauen- und Geschlechterforschung hingewiesen.</p>
<p>Bemerkenswert beim Text von Knapp ist ebenfalls, dass sie die Bedeutung von Männern in der Gleichstellungsarbeit nicht berücksichtigt. Der Fokus liegt klar auf der Gruppe der Frauen, worunter Knapps Argumentation zwar nicht leidet, weil keine festgelegte Rollenstereotype und die typische „Defizit-Argumentation“ bedient werden. Dennoch ist zu konstatieren, dass die Zielgruppe von Gleichstellung nicht ausschließlich Frauen sein sollten. Eine Enthierarchisierung von Geschlechterverhältnissen kann nicht allein dadurch erreicht werden, dass Benachteiligungen von Frauen und strukturelle Asymmetrien zwischen den Geschlechtern aufgehoben werden, ohne dass Männer zeitgleich an diesem Prozess mitwirken (können), ihr Rollenbild und ihre Vergesellschaftung auch von ihnen selbst hinterfragt wird und dadurch verändert werden kann.</p>
<p>Letztlich bleibt auch die Frage offen, ob eine Enthierarchisierung von Geschlechterverhältnissen substanzielle Chancengleichheit und Gleichstellung im Sinne von Gewährleistung gleicher Partizipationschancen zwischen den Geschlechtern erreichen kann. Gerade deshalb und trotz der eingeschränkten Sichtweise Knapps, ist der Ausblick am Ende des Textes von besonderer Bedeutung, in dem sie auf intersektionale Zusammenhänge im Geschlechterverhältnis hinweist und für eine paradigmatische Erweiterung der Frauen- und Geschlechterforschung plädiert. Ein intersektionaler Blick auf Gleichstellungspolitiken und das Verhältnis von Geschlecht sowie seine Repräsentation, stellen für Knapp die notwendige Dimension dar, um Praxen der Gleichstellung zu spezifizieren und bisherige Betrachtungsweisen mit den Konzepten Gleichheit, Differenz und Konstruktion aus ihren Schranken zu holen.</p>
<p>Insofern leistet der Text von Knapp einen wichtigen Beitrag zur einer verstärkten theoretischen Reflektion praktizierter Gleichstellungspolitiken und -instrumente einerseits , bei einer gleichzeitigen kritischen Hinterfragung des Genderdiskurses andererseits und verbindet damit Theorie- und Praxisebene im Kontext Gender und Diversity.</p>
<p><em>*Gudrun-Axeli Knapp ist seit 1990 Professorin am Psychologischen Institut der Unversität Hannover. Ihre dortigen Arbeitsschwerpunkte sind feministische Theorie und  Methodologie, Geschlechterdifferenzen und -verhältnisse. Darüber hinaus forscht zusammen mit der Gesellschaftstheoretikerin Cornelia Klinger seit mehreren Jahren zu Intersektionalität und Ungleichheit. Die Publikationen &#8220;Achsen der Ungleichheit &#8211; Achsen der Differenz&#8221; und &#8220;Über-Kreuzungen&#8221; zählen zu den Standardwerken der Intersektionalitätstheorie im deutschsprachigen Raum.</em></p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf <a href="http://maedchenmannschaft.net/differenz-dekonstruktion-oder-gleichheit/">maedchenmannschaft.net</a>, 03.05.2010</p>
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		<title>Pure Heuchelei</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Dec 2009 16:28:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nadine Lantzsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Antidiskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Sexuelle Identität]]></category>

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		<description><![CDATA[Sexueller Identität wird im Grundgesetz weiterhin kein Platz gewährt. Der Bundesrat hat am Freitag einen entsprechenden Vorschlag zur Änderung des Artikel 3 mehrheitlich abgelehnt. Dabei ignorieren die Gegner der Initiative die entscheidende Signalwirkung der längst überfälligen Ergänzung. Der Bundesrat hat gegen die Initiative der Länder Bremen, Hamburg und Berlin gestimmt, das Merkmal &#8220;sexuelle Identität&#8221; in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sexueller Identität wird im Grundgesetz weiterhin kein Platz gewährt. Der Bundesrat hat am Freitag einen entsprechenden Vorschlag zur Änderung des Artikel 3 mehrheitlich abgelehnt. Dabei ignorieren die Gegner der Initiative die entscheidende Signalwirkung der längst überfälligen Ergänzung.<br />
</strong><br />
Der Bundesrat hat gegen die Initiative der Länder Bremen, Hamburg und Berlin gestimmt, das Merkmal &#8220;sexuelle Identität&#8221; in den Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen. Hauptargumente der Gegner sind, dass so ein Vorhaben lediglich Symbolcharakter habe und die aktuelle Gesetzeslage bereits ausreichend Schutz für Homosexuelle, Transsexuelle und Transgender (Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen).</p>
<p>Allerdings werden lediglich im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das die Große Koalition vor drei Jahren &#8211; mit reichlich Nachdruck der EU &#8211; verabschiedete, Homosexuelle, Transsexuelle und Transgender explizit geschützt.</p>
<p>Der Geltungsbereich des AGG ist jedoch nicht ausreichend, um von einem umfangreichen Schutz dieser gefährdeten Personengruppe zu sprechen. Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) setzt sogar noch eins drauf. Für ihn sei das Grundgesetz hinreichend formuliert. Welches bereits bestehende Diskriminierungsmerkmal beinhaltet denn bitte für ihn sexuelle Identität? Dass Homo- oder Transsexualität keine Frage des Glaubens oder der (politischen) Weltanschauung ist, dürfte klar sein. Beide Gruppen unter Geschlecht zu subsumieren, bedeutet wiederum zu vernachlässigen, dass Homo- und Transsexuelle eine andere Gefährdungslage haben als heterosexuelle Männer und Frauen. Homo- und Transsexuelle werden nämlich nicht wegen ihrer biologischen Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert, sondern aufgrund ihrer Liebe zum gleichen Geschlecht oder wegen der Nichtanerkennung ihrer Geschlechtsidentität. Damit zwingt der Staat Transsexuelle indirekt zu einer vollständigen Geschlechtsumwandlung.</p>
<p>Hahns Kollege aus Hessen, Justizminister Bernd Busemann (CDU), argumentiert noch abstruser: &#8220;Die rechtliche Situation sei nicht das Problem, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen. Daher müsse einer Diskriminierung vielmehr durch praktische gesellschaftliche Aufklärung entgegengewirkt werden.&#8221; Dabei scheint Busemann entfallen zu sein, dass der rechtliche Rahmen in diesem Fall eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz sein kann. Dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die zeitgleich mit der Verabschiedung des AGG eingerichtet wurde, bisher keinen Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz gefährdeter Personengruppen geleistet hat, was eine ihrer Hauptaufgaben sein sollte, ist ihm sicher auch entfallen.</p>
<p>Am 1. Dezember tritt mit dem Lissabon-Vertrag die Europäische Grundrechtecharta in Kraft. Auch dort ist das Merkmal sexuelle Identität fester Bestandteil des Diskriminierungsverbotes. Es gibt also keinen Grund Schwulen, Lesben und Trans-Menschen in Deutschland das Recht auf ihre Menschenrechte weiterhin zu verwehren.</p>
<p>&#8212;</p>
<p>erschienen auf Tagesspiegel.de, 27.11.2009</p>
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